“Mein Vater las, wo immer er sich auch befinden mochte, Zeitung. Zu jeder Tags- und Nachtzeit vertiefte er sich mit ernstem Gesicht in Mitteilungen, Darstellungen und Nachrichten, riss Artikel, die ihn interessierten, heraus, faltete sie zusammen, legte sie auf einen Tisch, auf den Boden, auf einen Stuhl, in eine Jackentasche, um sie sogleich zu verlieren.”
So beginnt Gila Lustigers Beschreibungen ihres Vaters Arno Lustiger in ihrem Familienroman So sind wir. Sie, die Tochter eines Auschwitz-Überlebenden, berichtet davon, wie sich das Trauma der Opfer auf ihre Kinder übertragen hat. Arno Lustiger überlebte die Shoa: Er überlebte das Zwangsarbeiterlager in Annaberg/Schlesien, kam von dort über das KZ Ottmuth nach Blechhammer, ein Außenlager von Auschwitz und bekam dort die Nummer A5592 eintätowiert. Im Januar 1945, bei über Minus 20 Grad und sehr viel Schnee, marschierte er auf dem ersten Todesmarsch in Richtung KZ Groß-Rosen, dann über das KZ Buchenwald in das KZ Langenstein bei Halberstadt. Heute ist das eine Entfernung von über 600 Kilometer – über ausgebaute Strassen. Im April 1945, als die amerikanischen Truppen weiter vorrückten, ging es auf den zweiten Todesmarsch, von dem Arno Lustiger schließlich fliehen konnte. Ihm gelang halsbrecherisch die Flucht, kurz bevor er die rettenden GIs erreichte, brach er ohnmächtig zusammen – ohne zu wissen, dass es seine Retter waren, die da vor ihm waren. So erzählte er die Geschichte seiner Flucht.
“Mein Vater sammelte die Meldungen aus einem Grund: Er hatte sich einmal von der Welt überrumpeln lassen, das sollte ihm nie wieder geschehen. 1939 hatte mein fünfzehnjähriger Vater noch keine Zeitung gelesen, sondern sich nach assimilierter, aufgeklärter jüdischer Tradition in irgendeinen Griechen verbissen. Und auch 1940 war der Kindertraum meines sechzehnjährigen Vaters noch nicht ganz verdorrt, wenn er auch schon zu faulen begann. Mein Vater hörte aus großer Nähe ein deutsches Barbarengeschrei, aber eine deutsche Zeitung las er nicht. (…) Mein Vater hatte sich einmal von der Welt überrumpeln lassen, nun hielt er sich, Zeitungen in acht Sprachen lesend, informiert. Er hatte am eigenen Leib erfahren: Kein Jude kann der Welt entfliehen, und wenn er es versucht, dann bezahlt er seine Realitätsflucht mit dem Leben.”
Arno Lustiger war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Erforschung des jüdischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten. Sein Buch “Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden in Europa 1933-1945″ ist ein Standardwerk. Unermüdlich brachte er dieses Wissen nicht nur seinen Studenten nahe, sondern auch auf unzähligen Vorträgen über all in der Republik. Erst letztes Jahr erschien sein letztes Buch über Rettungswiderstand, über Judenretter in ganz Europa.
Arno Lustiger engagierte sich in vielfältiger Weise und auf ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Ein paar wenige Schlaglichter: Er war Mitbegründer der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main nach dem Zweiten Weltkrieg, er war Vorstandsmitglied der Budge-Stiftung. Immer wieder schaltete er sich in gesellschaftliche Debatten ein, zum Beispiel las er Oettinger die Leviten bei dessen Filbinger-Eklat. 2005 hielt er anlässlich der 60-jährigen Befreiung des KZ Auschwitz eine Rede im Bundestag. Vor allem der nach wie vor grassierende Antisemitismus waren ihm eine Herzensangelegenheit. In einem Brief wandte er sich 2007 an die Mitglieder des deutschen Bundestages mit der Bitte, einen jährlichen Bericht zum Thema Antisemitismus vorzulegen.
Zu seinen Studenten pflegte er zu sagen: “Hart in der Sache, aber nachsichtig zu den Menschen”, wenn er wieder einmal gegen braune Auswüchse in Deutschland vorging. Menschen können sich ändern, Menschen können bereuen, sagte er. Ein Menschenleben sei viel zu lang, um ein für alle Mal einen Bannspruch über einen Menschen zu sprechen. Nicht zuletzt dieser grundehrliche und entwaffnende Humanismus hinterließ einen tiefen und bleibenden Eindruck bei seinen Gesprächspartnern.
Gestern ist Arno Lustiger im Alter von 88 Jahren gestorben. Zol er likhtik ruen un lang vartn.
Die Rede von Arno Lustiger vor dem Deutschen Bundestag ist auf den Seiten des Bundestages nicht mehr zu finden. Sie war erreichbar unter der url: http://www.bundestag.de/aktuell/presse/2005/pz_0501271
Nachfolgend dokumentiere ich die Rede Arno Lustigers vor dem Deutschen Bundestag am 27. Januar 2005, wie sie im November 2006 unter der angegebenen Adresse zu lesen war.
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