Religiöse Punks?

Mir sprang gerade ein Lied von Wizo in die Playlist – da musste ich an eine andere Sonderbarkeit des deutschen Punks denken…

Macht korrumpiert und Punk wird reaktionär – diese Binsenweisheiten wußten wohl am besten die Jungs von Wizo. Glaubt man jedenfalls ihren Statements auf der Abschiedstournee und ihrer Website. Irgendwie beschlich mich aber schon immer so ein wenig das Gefühl, dass die Jungs einfach älter werden und sich selbst nichtmehr leiden konnten mit dem was sie tun und taten, was sie sangen und darstellten. Authentisches Leben nannte das mal jemand, wobei ich mir nicht über die ganze Tragweite dieses Begriffs im Klaren bin.

Wie komme ich darauf? Man sollte nicht zu früh über Menschen urteilen, vor allem, wenn man schlecht urteilen wollte. Man sollte in sich gehen und versuchen, den Menschen zu verstehen. Wenn ein Mensch über eine Sache eine Meinung sich gefasst hat, sie vertritt und in ihr womöglich lebt, dann verdient das unseren Respekt – es zeigt mir auch, dass Menschen mehr oder weniger reflektiert sich mit der Konstruktion von Wirklichkeit auseinandersetzen; mir persönlich ist dieses Reflektieren fast wichtiger als das Endprodukt, die vertretete Meinung. Diese Vorstellungen und Meinungen können und müssen sich gar im Laufe eines Lebens ändern; alles ist im Fluß und Erkenntnisse haben nur Platz im Leben, wenn man ihnen den Raum zur Entfaltung gibt. Auch das muß ich Menschen zugestehen und es an sich verstehen; das Ergebnis kann man dann entweder verstehen oder akzeptieren – wobei für mich es einen Unterschied zwischen Verstehen und Akzeptieren gibt, aber das ist ein anderes Thema.

Das will ich vorweg schicken, bevor ich zum eigentlichen Punkt komme:  Die Toten Hosen gestalteten eine Religionsstunde und in der stark verkürzten Wiedergabe verteidigten sie per se die Religionen,   und bestärkten die Schüler nicht in ihrer kritischen Haltung gegenüber Religionen, sondern verunsicherten sie noch obendrauf. Wie das zusammengeht mit einer Band, die Lieder wie Paradies oder 10 Gebote geschrieben hat, verstehe ich nicht. Aber ich überbewerte es wohl. Trotzdem muß ich dabei an Wizo denken, die eine Weisheit zwar nicht als erste gefunden haben, aber sie selbst vertraten in einer Konsequenz, die ihre Selbstauflösung beinhaltete (oder, ja, ich weiß, sie damit nur begründeten).

Man könnte natürlich trefflich darüber streiten, ob die Toten Hosen überhaupt dem deutschen Punkgewerbe zuzurechnen wären; genau so wie die Ärzte vertreten sie eine populäre Richtung dieses Genres, die von “richtigen Punks” mit ätzender Kritik bedacht würde…der Kommerz-Vorwurf hält sich da hartnäckig – aber das ist ein anderes Thema. Verwunderlich ist der Kommerz im Punk nicht, sehr wohl jedoch diese religiöse Ader.

Wie gesagt, ich will nicht zu früh urteilen. Vielleicht ist das sonntägliche In-die-Kirche-gehen ein Bestandteil der Altersweisheit. Man weiß ja nie. ;)

Über UnderTakeThisLaw

Ansichten zu Politik & Kultur. Letzter Erkenntisgewinn: Popkultur ist die hedonistische Seite der Melancholie.
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