Vorneweg: Ich mag es nicht, Menschen in bestimmte Schubladen hineinzustecken. Daher stöhne ich auch innerlich, wenn ich gefragt werde, ob ich Atheist oder Agnostiker sei. Reicht es nicht, dass ich keinen Gott habe? Ist damit nicht schon alles gesagt?
Ich habe keinen Gott: Das heißt nicht, dass andere einen haben könnten. Sei es, dass sie auf ein höheres Wesen abfahren, sei es, dass sich ihre Welt nur ums Eine dreht – was immer das im einzelnen sein mag -, sei es, dass sie sich einer “Idee”, einer “Ideologie”, einer “Sache” voll und ganz verschrieben haben, sodass dies an die frei gewordene Stelle des höheren Wesens getreten ist. Ich glaube auch an ziemlich viel Unsinn, zum Beispiel, dass StarTrek eine positive Zukunftsutopie antizipiert, obwohl das auch bloß eine geBorgte Identität ist. In ähnlicher Größenklasse ungefähr rangiert meinem Empfinden nach auch der Glaube an einen Gott.
Ich werde niemandem meine Sicht aufzwängen: Mein Gott ist kein fundamental-intoleranter Atheismus, oder was auch immer. Ich habe keine fixe Idee, die unter allen Umständen unter die Leute gebracht werden muss. Bist Du glücklich mit Deinem Gott: Ich freue mich für Dich.
Es gibt da jedoch etwas, das mich stört. Religion, Glaube und Gläubigkeit, das sind private Angelegenheiten. In der öffentlichen Diskussion haben Glaube, Religion, Kirche und alles, was damit zu tun hat, soviel zu suchen wie andere privaten Angelegenheiten: Als Randnotiz in den Boulevardspalten der Presse.
Nun bin ich nicht so blauäugig, wie sich das anhört. Menschen, die von einer fixen Idee überzeugt sind, werden immer ein besonderes Augenmerk darauf legen, ihre Meinung unter die Menschen zu bringen, und so schreiben Bistümer Pressemitteilungen, mischen sich Bischöfe höchst qualifiziert in öffentliche Debatten ein, verteilen Kirchengemeinden Werbemüll in die Briefkästen.
Und sie scheinen allen Grund dazu zu haben: Ihre Schäfchen laufen ihnen weg. Profan ausgedrückt bedeutet das: Die Kirchensteuer bricht weg und die gesellschaftliche Relevanz der Kirchen steht zur Disposition.
Dieser Umstand lässt die kuriosesten Blüten treiben. Im Wettstreit um die öffentliche Aufmerksamkeit tritt sehr oft eine Weltfremdheit der Kirchenvertreter zu Tage, eine mittelalterliche Moralvorstellung, eine Sehnsucht nach einem status quo ante. Kurz: Die Vorstellungen offizieller Kirchenvertreter oder von fundamentalistischen Laien haben selten etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Dass solche kruden Vorstellungen selten zur Erhöhung des Sexappeals der propagierten Position beiträgt, sondern allenfalls als ruppiger Annäherungsversuch, ist wohl den wenigsten bewußt.
Was meine ich damit? Hier einige Beispiele:
Eine Lehrerin leugnet die Existenz des Weihnachtsmannes und wird gefeuert. (klick)
Wie entstehen Religionen? Nachdem ich das hier las, kam mir das Erklärungsangebot aus “Das Leben des Brian” garnicht mehr so abwegig vor: Cargo-Kulte in der Karibik. (klick)
Einige christliche Knallköpfe wollen den Prozess gegen Jesus wegen “Verfahrensfehlern” neu aufrollen und hätten gerne dafür den Botschafter Israels und Italiens vor Gericht geladen. (klick)
Ein 21jähriger Fundamentalist schwört auf ein Leben ohne Sex vor der Ehe. Verquer genug, möchte er dies auch noch politisch propagieren. (klick)
Die Welt existiert erst seit 6000 Jahren, Urknall und Evolution gab es nicht, Darwin war bloß ein Schlitzohr: Die bekannte Position der so genannten Kreationisten. Mittlerweile kann man sich diese Überzeugung diplomieren lassen. (klick)
Wer an Gott glaubt, kann auch gleich an Außerirdische glauben. Sagt der Chefastrologe des Vatikans. (klick)
In Island ist es Brauch, Strassen und andere landschaftlichen Eingriffe auf die Bedürfnisse und Belange übernatürlicher Wesen abzustimmen. Dafür gibt es eine Elfenbeauftragte. (klick)
Sind die Beispiele oben noch eher zum Lachen, so gibt es doch auch gefährliche Komponenten im heutigen Christentum, allem voran ein latenter Antijudaismus.
Angesichts dieser Blüten finde ich ein wenig Aufklärung nicht schlecht. Aber ich habe auch Kritik an den Vorzeigeatheisten dieser Welt. Zum einen gibt es eine gefährliche Schnittstelle zu reaktionärem Gedankengut – wenn man das im Hinblick auf Katholizismus & Co. zuerst auch nicht glauben mag. Zum anderen kann eine atheistische Position selbst unglaubwürdig werden, gebiert sie sich intolerant oder selbst fundamentalistisch. Bei Classless gibt es zu dem Atheistenfrontschwein Dawkins eine ausführliche Analyse (Teil 1 & Teil 2).
Ich werde nicht versuchen, auch nur einen verbohrten Christen zu missionieren. Ich werde mich auch nicht mit irgend jemanden über Existenz oder Nichtexistenz seiner Götter streiten. Diese oder jene Position ist irrelevant, gehört sie doch ebenso wie das Lieblingsgericht oder das Haustier in den Bereich des Privaten. Solange aber die Überzeugtesten einen intellektuellen Exhibitionismus hinlegen, werde ich die PR-Versuche, die absichtlichen und die unabsichtlichen, die mir unterkommen, hier dokumentieren.