Letzte Woche ist der Film „Defiance – Unbeugsam“ angelaufen. Höchste Zeit für ein paar Anmerkungen.
Defiance erzählt die Geschichte der Bielski-Brüder, die während der Shoa einen Partisanenkampf gegen die Deutschen führten und über 1000 Menschen vor den Mordaktionen der Deutschen retteten.
Wie bei allem, was Hollywood in die Finger bekommt, muss man auch hier mit einer Stilisierung, einem Herausstellen von Klischees und mit einem kräftigen Druck auf die Tränendrüse rechnen.
Ein Film aus Hollywood funktioniert in der Regel folgendermaßen: Der Held und die Problematik werden vorgestellt, je nach Story mal mehr oder weniger ausführlich. Wir lernen etwas über den Hintergrund kennen, wo die Geschichte spielt und durch welche Bedingungen sie eingerahmt ist. Die Hauptfigur bekommt ein Motiv: Das Problem und die Hintergrundstory werden vorgestellt und zwingt die Hauptfiguren zur Aktion oder Reaktion. Ein scheinbarer Lösungsweg wird aufgezeigt, mehr oder weniger erfolgreich stellt sich die Hauptfigur den Herausforderungen. Je nach Geschmack geht nun etwas schief, was erst die weitere Geschichte erzählt. Oder der eingeschlagene Lösungsweg erweist sich als Sackgasse, es entsteht aus anderen Gründen eine Krise oder Katastrophe. Die Hauptfiguren stehen vor dem Trümmerhaufen ihres ersten Weges und müssen über sich hinauswachsen. Je nach Film und Geschichte kommt nun noch der Beweis für den neu gefundenen Weg, der die Geschichte ausklingen lässt, oder der neue Weg wird nicht mehr erzählt und das Gelingen hoffnungsvoll angedeutet.
So ungefähr funktionieren die meisten Filme, die ein positives Ende haben und bei denen nicht gerade Tarantino irgendwie die Finger im Spiel hat.

Eine Einheit der Bielski-Partisanen, 1943
Auch Defiance fährt diesen Fahrplan und er ist so gut erzählt, dass man sich die Augen reibt, kurz inne hält um sich zu vergewissern, dass das wirkliche Leben eben keinen Fahrplan hat. Diese Vergewisserung ist wichtig, um nicht dem Trugschluss zu erliegen, der Film würde die wahre Geschichte der Bielski-Brüder erzählen. So fragte auch der letzte noch lebende der Brüder, Aron Bielski, der als Kind die Schrecken erlebt hatte: „Sieht man in dem Film „Defiance“ etwa, wie eine Frau gezwungen wird, ihr sechs Monate altes Baby mitten im Winter vor den Türen eines Bauern auszusetzen? Sieht man, wie ein Polizist meinen Vater mit einem Gewehr so brutal verprügelte, dass alle seine Rippen brachen?“
Man sieht Gewalt im Film. Das Wüten der Nazis und ihrer Hiwis werden angedeutet, die Qualen der Opfer werden angedeutet ebenso wie die Motive der Täter. Das ist auch das Problem an dem Film, wie vermutlich bei jedem Unterhaltungsfilm, der zu Zeiten des Naziterrors spielt: Den Hintergrund bildet die unbeschreibliche Vernichtungsmaschinerie, die sich im Film auf Andeutungen beschränken muss. Der Naziterror, dem jegliche moralische Instanzen fehlten, wird zur Folie, vor der sich die eigentliche Geschichte abspielt; die Shoa wird zum „Stimmungsmoment“, zum Beiwerk der Geschichte. Damit wird man weder der Shoa an sich gerecht, noch der Geschichte, die erzählt werden will.
Die Bearbeitung der Shoa begann bereits in den 40er Jahren. Sie wurde vor allem von den Überlebenden vorangetrieben. Romane, Tagebücher und Lyrik von Überlebenden versuchen, das Grauen zu fassen. Die filmische Aufarbeitung begann später, zuerst in Dokumentarform, erst dann in Unterhaltungsfilmen. Seit den 90er Jahren sind die Filme in Deutschland der Publikumsrenner, die von den Tätern ablenken und von heldenhaften Deutschen erzählen: Oskar Schindler, die Geschwister Scholl und der in die Mordmaschinerie zunächst eingebundene Stauffenberg sollen vor Augen führen, dass es noch „gute“ Deutsche gab. Dass dabei die historische Relation nicht nur in Schieflage gerät, sondern völlig ad absurdum geführt wird – wen wundert das noch. War die deutsche postnazistische Gesellschaft in den 50er Jahren darauf bedacht, die Täter zu schützen und zu amnestieren, so verschwinden die Täter heutzutage einfach. Nach 1945 waren mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder in der deutschen Verwaltung beschäftigt als vor 1945, heute werden exemplarisch einzelne Täter stellvertretend in der Öffentlichkeit gerichtet: Links und rechts stützt man die unausgesprochene Geisteshaltung ab, dass die Nazis vom Mond fielen und die Deutschen verführten. So verschwinden die Täter aus dem öffentlichen Bewußtsein, die Shoa wird zu Folklore und die Mordmaschinerie als Stimmungskolorit für Unterhaltungsfilme.
Bei Defiance funktioniert das nur beschränkt. Da die Helden ausnahmsweise keine deutschen Täter sind, sondern die Opfer, die irgendwie versuchen, ihr Überleben zu organisieren, rücken die Täter zwar mehr oder weniger in die Hintergrundfolie, sind dadurch aber in ihrer Rolle als Judenschlächter und Totschläger statisch und omnipräsent. Das kommt der Realität sehr viel näher als andere Filme, die in der Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt sind.
Detailliertere historische Erkenntnisse hat man nicht zu erwarten; aber für den überwiegenden Teil des Publikums dürfte schon die Erkenntnis neu sein, dass es jüdische Partisanen gab, die sich erfolgreich gegen die Deutschen zur Wehr setzten. Alleine deswegen ist der Film schon sehenswert.
Defiance – Unbeugsam – offizielle Seite
Kritiken / Hintergrund:
Screenwrite:
Partisanen.
Telepolis:
Polen gegen Juden
Litauen und die jüdischen Partisanen
taz:
Die Geschichte der Bielski-Brüder
Süddeutsche:
Die tun was
Frankfurter Rundschau:
Schlüssel zu einer neuen Tonart
Interview mit Daniel Craig
Aron Bielski – und wie er den Film sieht
Zweiter Weltkrieg boomt bei Filmemachern
FAZ:
Moses war kein Opferlamm
ARD (ttt):
Eine wahre Geschichte vom jüdischen Widerstand
SpOn (eines tages):
Drei Brüder gegen Hitler