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Monatsarchiv: Mai 2009

Chaostage-Nostalgie

28 Donnerstag Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Bolles Welt, Geschichtliches, Gesellschaft et cetera

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chaostage, Deutschland, Film, Geschichte, Innere Sicherheit, Life, Linke, Politics, Punk, Wizo

Lang, lang ists her: 1995 ging der Punk ab in Hannover. Es sollte ein Vorgeschmack auf die Expo 2000 werden, welche ja bekanntlich weitaus hermetischer abgeriegelt worden ist und somit ohne größere Zwischenfälle von statten ging.

Vor ein paar Tagen bin ich wieder über den Szenefilm Krieg der Welten gestolpert, der komplett online steht. Es ist ein zweifaches Zeitdokument: Er schneidet in krassen Sprüngen die Vorkommnisse und Kommentare der Fernsehmedien zusammen und vermittelt so ein Bild der medialen Ausgrenzung, die in Teilen zu einer Radikalisierung (oder Selbstbestätigung, wie man möchte) des Kleinbürgertums geführt hat. Letztlich führte auch das zu den Eskalationen. Andererseits offentbart der Film eine erschreckende Leichtigkeit in Sachen Metaphorik und Kurzschlüssen: Lagerbilder von Auschwitz, krasse Schnitte hin zu der Schlüsselstelle Der ewige Jude überblenden historische Vergleichbarkeit mit Beliebigkeit. Man mag zu den Thesen stehen wie man will, dass der deutschen Kultur ein spezifischer Antisemitismus immanent ist, die Demokratie oktroyiert werden musste und mit ein wenig Chaostage die Dehumanisierung der Punks durch die Medien in der Öffentlichkeit nur noch ein Katzenwurf weit weg gewesen ist. Aber es gibt – nicht zuletzt wegen des zweiten Punktes – einen qualitativen Unterschied zwischen NS und BRD. Diesen zu verkennen, ohne die Kontinuitäten aus den Augen zu verlieren, inflationiert und instrumentalisiert die deutsche Geschichte über den Punkt hinaus, wo Vergleichbarkeit zu Beliebigkeit wechselt und man somit weder der einen Epoche noch der anderen gerecht werden kann. Eine Verharmlosung und Betriebsblindheit der Punkbewegung kommt hier zum tragen, die in dem unerträglichen Ob Links, ob Rechts, hauptsache gegen den Staat von Teilen der Oi-Bewegung mündet. Das ist nichts anderes als eine Entpolitisierung seiner Selbst, und nicht wenige haben genau aus diesem Grunde Abstand von der Punkszene genommen.

Das im Blick, könnte ca. 6:50-7:05 trotzdem interessant sein, ebenso die Passage zum Pennymarkt nach rund einer Stunde. Da plündern Punks und Bürger in ungewohnter Zweisamkeit einen Pennymarkt.

Popsternüberraschung

27 Mittwoch Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Internet, Musik, Pop & Ästhetik

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Ästhetik, gaga, hilton, lavigne, Life, music, poker face, Pop

Auf meiner Suche  nach faszinierenden Stimmen werde ich selten im Radio fündig. Selten: Manchmal also schon. Das hat vor allem den Grund, dass diese Stimmen – ob männlich oder weiblich – meist am Syntheziser nachbearbeitet, “veredelt” sind. Sie hören sich eben nicht mehr schön an, da die Nachbearbeitung Momente der Brüche und Nuancen ausbügelt. Ein krasses Beispiel davon kennt vermutlich jeder: Wer Metallica schon einmal Live gehört hat, fragt sich, wer für James Hetfield da die Studioaufnahmen singt. Ein anderes, interessantes Beispiel ist das durchaus nette Lied von Amy MacDonald This is the life: Die Studioversion hört sich schon ganz anders an, als die Liveversion. Dabei stört mich nicht ihr breiter schottischer Akzent, eher im Gegenteil: Die Überraschung kommt erst, wenn man die Studioversion im Radio rauf und runter gehört hat und danach erst eine Liveversion hört. Dabei hätte es dem Lied und dem Erfolg vermutlich nicht geschadet, hätte man etwas weniger daran herum geschraubt. Die Studioversion ist eine Idylle: Man kann nichts mehr hinzufügen und nichts entfernen, und diese Idylle wird  nicht wirklich MacDonald gerecht. Leider.

Ich werde selten im Radio fündig, Amy MacDonald ist also so ein Beispiel, wo ich nicht fündig geworden bin, was weniger an ihrer Livestimme liegt, die durchaus etwas bemerkenswertes hat, sondern eher an der Diskrepanz zwischen Studio- und Liveversion. Das ist das Problem am Radio: Die Lieder suggerieren keine perfekte Stimme, sondern eine idyllische. Eine perfekte Stimme, für mich, kommt ohne diesen Krimskrams im Studio wenigstens in den größten Teilen aus – ein bisschen Nachbearbeitung beim Dämpfen der Höhen oder dem Drücken der Bässe ist ja OK. Eine perfekte Stimme zeigt Brüche auf, bildet einen Riss im Klangteppich, durch den ich hindurchschlüpfen kann. Sie ist glasklar in den Höhen und röhrend im Bass, sie weckt Sehnsüchte, die nicht erfüllt werden. Sie ist also das Gegenteil der computergenerierten Idylle. Es macht Spaß, ihr zuzuhören und es ist Leidenschaft enthalten. Nicht jeder kann so singen, aber jede Stimme kann zu einer Idylle geklickt werden.

Nun, ich werfe dem Papst nicht vor, katholisch zu sein, und der Popmusik nicht, kommerziell zu funktionieren. Das ist eben so. Computerverbügelte Stimmen im normierten Takt versprechen in der Summe des Hintergrundrauschens die größte Akzeptanz und somit tendenziell hohe Verkaufszahlen. Popsternchen verglühen schnell, sie verbrennen sich selbst durch ihre Affirmation. Dieser Einheitsbrei, dem fast jegliche Unterscheidungsmöglichkeit fehlt, frisst seine Kinder. Und doch ist dieser Kommerz, über den es sich so reflexartig schimpfen lässt wie über das schlechte Wetter und der bekanntermaßen zwei Seiten braucht, ansonsten würde er nicht funktionieren – die Kunden, Konsumenten also das bekommen, was sie verlangen; was sich eben verkaufen lässt – noch für Überraschungen gut an Stellen, wo man es als letztes vermutet hätte.

Ich bin nun schon einige Zeit von dem Sound und dem Funktionieren von Poker Face fasziniert. Im Video sieht man übrigens nicht, dass Stefani J. A. Germanotti mit knapp anderthalb Metern Körpergröße durch die Welt läuft; die Tänzer sind entweder zurecht gestutzt oder einer Jugendkapelle entnommen. Anders als bei Avril Lavigne, wo man in fast jedem Video ihre Körpergrösse einschätzen konnte; das geht in diesem Video von Lady Gaga nur noch bedingt: Man könnte sich zwar schon fragen, weshalb sie ungefähr so groß wie die Dalmatiner ist. Aber, geschenkt.  Und, natürlich ist dieser Sound nachbearbeitet. Er kommt aus der Retorte und möchte überhaupt nicht suggerieren, er wäre nicht nachbearbeitet.

Lady Gaga – den Namen suchte sie sich in Anlehnung an Queens Radio Gaga aus und nicht in Anlehnung an die deutsche Konnotation -  kann in der Tat richtig gute Musik machen. Und sie kann singen. Sie hat sogar eine sehr, sehr schöne Stimme und sie überrascht. Wer hätte das gedacht, der in ihren Liedern zu aller erst den penetranten Beat hört, der in der Massenkonformität nach Einheitsbrei schmeckt? Wie komme ich darauf – nun, ganz einfach:

Und so bricht die Idylle der Popmusik auf, die Risse kommen zum Vorschein, eine völlig neue Welt – ich fange an zu schwärmen – tut sich auf: Lady Gaga ist kein solches Popsternchen, das schnell verglühen wird. Sie spielt mit der Konformität und nutzt sie. Das ist in Ordnung. Dann kann sie auch sinnfreie Werbeinterviews mit Paris Hilton führen. Ob sie um diesen Umstand weiß, lässt sie offen. Vorerst.

Musik, bitte (VI)

25 Montag Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Musik

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Ästhetik, Life, music, Pop, Procol Harum

Ich habe mir in den letzten Tagen sehr viele Interpretationen dieses Liedes angehört. Aber fast allen fehlt die typische Orgelunterlegung, wie sie das Original hier vorweist. Diese Melodie, gespielt von der Orgel, hat das Lied ja erst die Jahrzehnte überdauern lassen. Orgelmusik ist heutzutage etwas seltenes geworden: Altbacken, schwer im Nachgang, mit einem naserümpfenden Geschmack nach Kirchenmuff. Wer in deutscher Kleinkariertheit groß geworden ist, wird vermutlich wissen, was ich meine. Dabei ist das Image von Orgemusik schlechter als sie selbst – das Lied der Procol Harum zeigt es.

Ich hatte die Tage die Gelegenheit, auf einer Veranstaltung das Lied instrumental zu hören. Das war sehr ansprechend, leider habe ich im Netz nirgends eine instrumentale Version mit dem typischen Orgelsound gefunden. Dafür aber Banalitätsanspruch bei der Wikipedia: Diese findet es nämlich seltsam, dass der Text nicht eindeutig sich selbst erkläre. Ich finde das gut; somit bleibt Spielraum für persönliche Codierung, Interpretationen und Spekulationen. Das Lied, der Text tritt in Kommunikation mit dem Angesprochenen. Die beste Vermeidung von Kitsch – und das kommt bei Pop etc. häufiger vor, als man denkt.

Trotzdem: Eine instrumentale Version mit Orgelklang fehlt noch irgendwie im Netz, finde ich.

Hessischer Kulturpreis für alle

22 Freitag Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Gesellschaft et cetera, Gott vs. Die Welt

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Atheismus, Bischof, hessischer kulturpreis, Kermani, Kirche, Korn, Lehmann, Steinacker

Das Hin und Her der letzten Tage bei der Vergabe des Hessischen Kulturpreises schraubt sich weiter. In der Vatertagsausgabe der FAZ konnte man eine Stellungnahme Lehmanns zu der ganzen Chose lesen. Interessant zu lesen, wie er seinen liberalen Kirchenstandpunkt darstellt, er hat sogar fast mich überzeugt. Grob zusammengefasst: Persönlich hätte er überhaupt nichts gegen einen schiitischen Preisträger, der in einem Text das Kreuz mehr oder weniger diffamiert, aber als Vertreter seines Glaubens mit Vorbildfunktion für seine Schäfchen hätte er sich selbst nach den hämischen Bildunterschriften nach einer möglichen Verleihung befragt und entschieden, darauf keine Lust zu haben. Das ist schon verständlich. In der ganzen Debatte fehlen mir jedoch zwei Aspekte, irgendwie.

Der Jury ging es darum, die vorherrschenden monotheistischen Weltreligionen auszuzeichnen und somit deren Dialogfreudigkeit unter Beweis zu stellen. Den Dialog hat man nun, vermutlich jedoch nicht in der gewünschten Art und Weise und ohne eine Verleihung eines Preises. Was etwas seltsam anmutet: Bei der ganzen Show fehlte irgendwie ein Vertreter derjenigen, die eben an keinen Gott glauben. Immerhin ist das in Deutschland die Mehrheit (klick – lediglich 47% glauben an einen Gott, Seite 9). Braucht man mit diesen Leuten also keinen Dialog zu führen? Vermutlich: Kriege und Auseinandersetzungen, Mord und Totschlag im ausdrücklichen Namen der Gottlosigkeit ist mir irgendwie in der Geschichte noch nicht begegnet. Daher könnte man der Jury wohlwollend unterstellen, diesen Umstand mitbedacht zu haben und durch die explizite Betonung der Religiösität der gewünschten Preisträger diese darauf hinzuweisen, dass sie in dieser Sache noch ein wenig Nachholbedarf besitzen.

Die andere Sache, die mir auffällt: Wie in alles in der Welt kommt man auf solch unterschiedliche Preisträger? Zwei Angestellte ihrer Kirchen, ein Vertreter einer Religionsgemeinschaft und ein freier Schriftsteller. Da stimmt doch etwas nicht, oder? Wieso nicht konsequent eine Linie: Bischöfe, Rabbi und Imam, oder die Vertreter der Laienverbände oder eben freie Schriftsteller auf allen Seiten. Damit hätte man vermutlich weniger Probleme an dieser Front bekommen, dafür sich jedoch andere unterhaltsame Steine in den Weg gelegt.

So bleibt es spannend, wie die Leute in Hessen da wieder herauskommen wollen.

Der Rausch der Ewigkeit

11 Montag Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Pop & Ästhetik, Rezensiert & Besprochen

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Ästhetik, Kino, Life, Pop

Am Wochenende war ich mir einen Film anschauen. Es lohnt eigentlich nicht, über den Film selbst zu berichten, seichte Hollywood-Unterhaltung für den hohlen Zahn. Aber hier vor Ort hat man die Entscheidung zwischen einer standardisiert-seelenlosen Kinokette, die auf Kommerz getrimmt ist, die Zuschauer wie am Fließband aufsaugt und nach 90 Minuten wieder ausspuckt. Die Alternative ist ein kleines Kino mit – im Vergleich dazu – winzigen Räumen, Minileinwänden, aber mit wirklich guten Filmen abseits des Mainstreams – der natürlich auch bedient wird. Die letzte große Investition galt dem Vorraum, in dem große Bänke aus Holz mit dem passendem Licht nun zum Verweilen einladen sollen. Dafür sind nun die Preise ähnlich astronomisch wie beim Seelenverkäufer.

Leicht irritiert davon – weshalb hat man nicht in größere Leinwände, bessere Sitze und ähnliches investiert – fällt die Wahl des Kinos bei mir mittlerweile nach dem bevorzugten Film. Ein ums andere Mal musste ich mich in meinem Freundeskreis schon rechtfertigen, weshalb es mich höchstens ein Achselzucken kostet, ein Ticket in der Kinofabrik zu buchen. Mir ist es im Prinzip einerlei, wobei, wenn ich mich schon in den Schoß der Kulturindustrie begebe, hüben oder drüben, dann ziehe ich im Zweifelsfalle eine große Leinwand vor. So auch an diesem Wochenende, und ich musste mich an meinen ersten Besuch in einem Cinedom erinnern. Das ist zwar schon über ein Jahrzehnt her, aber er hat Eindruck bei mir gemacht. Weiterlesen »

Legoland, tralala

09 Samstag Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Gesellschaft et cetera, Internet, Klamauk

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eurovision song contest, Internet, Klamauk, Legoland

Das Legoland ist ein exterritoriales Gebiet der Lego-Company. Gelb angemalte Botschafter sitzen in den Machtzentren dieser Welt und propagieren das lebenslange Spielen mit kleinen Steinchen.  Coole Polizisten mit einer etwas eckigen Art regeln den Verkehr vor der Mittelalterburg zwischen intergalaktischem Sternenkreuzer und einem Baustellenfahrzeug.

So ungefähr könnte man sich die Legowelt in einer Kinderphantasie vorstellen. Gut, gut, denk ich mir: Aber weshalb sollte man bei diesem Spiel auf die Idee kommen, das Legoland zum Eurovision Song Contest zu schicken? Marketingabteilungen sind manchmal komisch.

Illuminati in aller Munde

06 Mittwoch Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Bolles Welt, Gesellschaft et cetera, Gott vs. Die Welt

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Christen, Film, Gott, Illuminati, Katholiken, Katholizismus, Kino, Kirche, Life

Während ich für Defiance selbst Hand an Google legen musste, um mir die Links zusammenzusuchen, stauen sich die Meldungen zum neuen “Skandalfilm” Illuminati in meinem rss-Reader. Illuminati hier, Illuminati da. Irgendwie habe ich gar keine Lust, überall hinzuklicken. Solch penetrante Besprechungen riechen förmlich nach einem Hype. Und Hypes mag ich nicht: Das Beste am Herr der Ringe waren die Landschaftsaufnahmen, die der Regisseur von “Brain Dead” da hinein zauberte, die “Titanic” habe ich mir erst gar nicht angetan, in der Verfilmung vom “Sakrileg” fand ich das Buch irgendwie nichtmehr wirklich wieder.

A propos Buch: Die sind ja bekanntlich immer besser als der dazugehörige Film. Meistens jedenfalls. Ich müsste nachdenken, wo das mal umgekehrt war. Aber, Illuminati, Sakrileg & Buch: Als das Sakrileg herauskam – das Buch, meine ich -, fühlte ich so etwas wie Genugtuung. Ich schaue mir ja immer die kleinen Zettelchen und Aufkleber an den Strassenlaternen an. Zu der Zeit sah ich in mehreren Städten einen kleinen Zettel im halbierten DIN A4-Format mit folgendem oder ähnlich lautenden Text:

Wir laden Sie ein, mit uns über Dan Browns “Sakrileg” zu sprechen. Diskussionsrunde am So-und-so-vielten um 19 Uhr.

Und dann klein drunter

Evangelische / Katholische Kirchengemeinde Lowangen (oder von wo auch immer)

Ich fand das bemerkenswert. Da sehen sich kleine Kirchengemeinden genötigt, zu einem Buch Stellung zu nehmen, das überhaupt keinen Atheismus predigt, das ihre Kirche weder direkt angreift noch für Voll genommen werden will: “Sakrileg” war und ist schlicht ein Roman, eine fiktive Geschichte. Ein Märchen im Märchen sozusagen. Aber die Deutungshoheit wurde angegriffen. Und das Buch erschien den Zettelklebern wohl so gut geschrieben, dass sie sich genötigt fühlten, sich zu rechtfertigen. “Illuminati” war der Vorgänger vom “Sakrileg”, und nicht der Nachfolger, wie jetzt die chronologische Reihenfolge der Filme suggeriert. Einen ähnlichen Aufschrei gab es dazu nicht.

Was ist das Märchen im Märchen? Ganz kurz: Es gab laut “Sakrileg” 11 männliche Jünger und, äh, eine weibliche Jüngerin. Diese war die verfemte Maria Magdalena, die obendrein noch Jesus’ Frau gewesen sein soll und nochmal obendrein schwanger von Jesus war, und noch einen obendrauf: Es gibt eine Abstammungslinie von Jesus bis heute. Dieses Wissen werde von einem Geheimorden gehütet, gegen die die Kirche seit je her vorgeht, weil dieser Umstand ihr Märchen von Jesus & Co. radikal in Frage stellt. Ich bin noch bei der Beschreibung des Buchinhalts. Dieser Geheimorden hatte als illustre Vorsitzende Männer wie Leonardo da Vinci oder eben den bisherigen Direktor des Louvres. Sie praktizierten schon immer etwas okkulte und seltsame Rituale, die irgendwie den der katholischen Kirche diametral gegenüber stehen. Nun sind diesem Geheimorden die Kettenhunde des Vatikans auf den Fersen – und hier setzt die Erzählung ein.

Als ich das Buch in die Finger bekam, wollte ich die ersten 50 Seiten abends im Bett zum einschlummern anlesen. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, bis ich es ganz durch hatte. Das war am nächsten Tag so um die Mittagszeit. Ich denke, es lag daran, dass es für mich das erste Buch dieses Genres war, das ich gelesen habe, und es wirklich gut zu lesen war. Ein paar Monate später las ich von Dan Brown “Meteor” – ich muss sagen, das Buch funktioniert im Aufbau exakt genau so wie “Sakrileg”, weshalb ich mir “Illuminati” erst garnicht anschaute.

Zurück zu den beleidigten Christen: Sie fühlten sich tatsächlich durch einen – gut erzählten – Roman angegriffen. Eine Fiktion, erzählt von einem auf Thriller spezialisierten Buchautor mit seiner Frau als Co-Autorin, die Kunsthistorikerin ist. Ich war etwas irritiert, wie so ein faktenresistenter Verein derart aggressiv auf einen Roman reagieren konnte: Zweihundert Jahre nach der historischen Epoche der Aufklärung, zweihundert Jahre Atheismusgeschichte in der Neuzeit – all dies ließ die Kirche mehr oder weniger kalt; wenigstens an der Basis. Und nun kommt ein Buch, ein Roman! auf den Markt, und das Trara ist groß. Nach der kurzen Irritation meinerseits fand ich das echt gut und verschenkte den Roman für Weihnachten an meine christlich-gläubige Mitwelt, allen voran meiner Mutter. Diese und die anderen waren alles andere als begeistert und ich war fasziniert: Es ist ein Roman! Hallo?

Tja, und jetzt läuft der Vorgänger vom “Sakrileg” als Nachfolger im Kino. Ich schau schon ganz gespannt nach Zettelchen an den Strassenlaternen.

Defiance – Viel Feind, viel Ehr?

03 Sonntag Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Gesellschaft et cetera

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Antisemitismus, Defiance, Film, Geschichte, Holocaust, Juden, Kino, Shoa, widerstand

Letzte Woche ist der Film „Defiance – Unbeugsam“ angelaufen. Höchste Zeit für ein paar Anmerkungen.

Defiance erzählt die Geschichte der Bielski-Brüder, die während der Shoa einen Partisanenkampf gegen die Deutschen führten und über 1000 Menschen vor den Mordaktionen der Deutschen retteten.

Wie bei allem, was Hollywood in die Finger bekommt, muss man auch hier mit einer Stilisierung, einem Herausstellen von Klischees und mit einem kräftigen Druck auf die Tränendrüse rechnen.

Ein Film aus Hollywood funktioniert in der Regel folgendermaßen: Der Held und die Problematik werden vorgestellt, je nach Story mal mehr oder weniger ausführlich. Wir lernen etwas über den Hintergrund kennen, wo die Geschichte spielt und durch welche Bedingungen sie eingerahmt ist. Die Hauptfigur bekommt ein Motiv: Das Problem und die Hintergrundstory werden vorgestellt und zwingt die Hauptfiguren zur Aktion oder Reaktion. Ein scheinbarer Lösungsweg wird aufgezeigt, mehr oder weniger erfolgreich stellt sich die Hauptfigur den Herausforderungen. Je nach Geschmack geht nun etwas schief, was erst die weitere Geschichte erzählt. Oder der eingeschlagene Lösungsweg erweist sich als Sackgasse, es entsteht aus anderen Gründen eine Krise oder Katastrophe. Die Hauptfiguren stehen vor dem Trümmerhaufen ihres ersten Weges und müssen über sich hinauswachsen. Je nach Film und Geschichte kommt nun noch der Beweis für den neu gefundenen Weg, der die Geschichte ausklingen lässt, oder der neue Weg wird nicht mehr erzählt und das Gelingen hoffnungsvoll angedeutet.

So ungefähr funktionieren die meisten Filme, die ein positives Ende haben und bei denen nicht gerade Tarantino irgendwie die Finger im Spiel hat.

Eine Einheit der Bielski-Partisanen, 1943

Auch Defiance fährt diesen Fahrplan und er ist so gut erzählt, dass man sich die Augen reibt, kurz inne hält um sich zu vergewissern, dass das wirkliche Leben eben keinen Fahrplan hat. Diese Vergewisserung ist wichtig, um nicht dem Trugschluss zu erliegen, der Film würde die wahre Geschichte der Bielski-Brüder erzählen. So fragte auch der letzte noch lebende der Brüder, Aron Bielski, der als Kind die Schrecken erlebt hatte: „Sieht man in dem Film „Defiance“ etwa, wie eine Frau gezwungen wird, ihr sechs Monate altes Baby mitten im Winter vor den Türen eines Bauern auszusetzen? Sieht man, wie ein Polizist meinen Vater mit einem Gewehr so brutal verprügelte, dass alle seine Rippen brachen?“

Man sieht Gewalt im Film. Das Wüten der Nazis und ihrer Hiwis werden angedeutet, die Qualen der Opfer werden angedeutet ebenso wie die Motive der Täter. Das ist auch das Problem an dem Film, wie vermutlich bei jedem Unterhaltungsfilm, der zu Zeiten des Naziterrors spielt: Den Hintergrund bildet die unbeschreibliche Vernichtungsmaschinerie, die sich im Film auf Andeutungen beschränken muss. Der Naziterror, dem jegliche moralische Instanzen fehlten, wird zur Folie, vor der sich die eigentliche Geschichte abspielt; die Shoa wird zum „Stimmungsmoment“, zum Beiwerk der Geschichte. Damit wird man weder der Shoa an sich gerecht, noch der Geschichte, die erzählt werden will.

Die Bearbeitung der Shoa begann bereits in den 40er Jahren. Sie wurde vor allem von den Überlebenden vorangetrieben. Romane, Tagebücher und Lyrik von Überlebenden versuchen, das Grauen zu fassen. Die filmische Aufarbeitung begann später, zuerst in Dokumentarform, erst dann in Unterhaltungsfilmen. Seit den 90er Jahren sind die Filme in Deutschland der Publikumsrenner, die von den Tätern ablenken und von heldenhaften Deutschen erzählen: Oskar Schindler, die Geschwister Scholl und der in die Mordmaschinerie zunächst eingebundene Stauffenberg sollen vor Augen führen, dass es noch „gute“ Deutsche gab. Dass dabei die historische Relation nicht nur in Schieflage gerät, sondern völlig ad absurdum geführt wird – wen wundert das noch. War die deutsche postnazistische Gesellschaft in den 50er Jahren darauf bedacht, die Täter zu schützen und zu amnestieren, so verschwinden die Täter heutzutage einfach. Nach 1945 waren mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder in der deutschen Verwaltung beschäftigt als vor 1945, heute werden exemplarisch einzelne Täter stellvertretend in der Öffentlichkeit gerichtet: Links und rechts stützt man die unausgesprochene Geisteshaltung ab, dass die Nazis vom Mond fielen und die Deutschen verführten. So verschwinden die Täter aus dem öffentlichen Bewußtsein, die Shoa wird zu Folklore und die Mordmaschinerie als Stimmungskolorit für Unterhaltungsfilme.

Bei Defiance funktioniert das nur beschränkt. Da die Helden ausnahmsweise keine deutschen Täter sind, sondern die Opfer, die irgendwie versuchen, ihr Überleben zu organisieren,  rücken die Täter zwar mehr oder weniger in die Hintergrundfolie, sind dadurch aber in ihrer Rolle als Judenschlächter und Totschläger statisch und omnipräsent. Das kommt der Realität sehr viel näher als andere Filme, die in der Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt sind.

Detailliertere historische Erkenntnisse hat man nicht zu erwarten; aber für den überwiegenden Teil des Publikums dürfte schon die Erkenntnis neu sein, dass es jüdische Partisanen gab, die sich erfolgreich gegen die Deutschen zur Wehr setzten. Alleine deswegen ist der Film schon sehenswert.


Defiance – Unbeugsam – offizielle Seite

Kritiken / Hintergrund:

Screenwrite:

Partisanen.

Telepolis:

Polen gegen Juden

Litauen und die jüdischen Partisanen

taz:

Die Geschichte der Bielski-Brüder

Süddeutsche:

Die tun was

Frankfurter Rundschau:

Schlüssel zu einer neuen Tonart

Interview mit Daniel Craig

Aron Bielski – und wie er den Film sieht

Zweiter Weltkrieg boomt bei Filmemachern

FAZ:

Moses war kein Opferlamm

ARD (ttt):

Eine wahre Geschichte vom jüdischen Widerstand

SpOn (eines tages):

Drei Brüder gegen Hitler

Was mal wichtig war

To play or not to play

Antisemitismus in der Partei Die Linke

Und immer wieder: WIZO

2012, Avatar & Co: Arbeit unterm Spätkapitalismus

Der 9.11.1969 und die Linke

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