Am Wochenende war ich mir einen Film anschauen. Es lohnt eigentlich nicht, über den Film selbst zu berichten, seichte Hollywood-Unterhaltung für den hohlen Zah
n. Aber hier vor Ort hat man die Entscheidung zwischen einer standardisiert-seelenlosen Kinokette, die auf Kommerz getrimmt ist, die Zuschauer wie am Fließband aufsaugt und nach 90 Minuten wieder ausspuckt. Die Alternative ist ein kleines Kino mit – im Vergleich dazu – winzigen Räumen, Minileinwänden, aber mit wirklich guten Filmen abseits des Mainstreams – der natürlich auch bedient wird. Die letzte große Investition galt dem Vorraum, in dem große Bänke aus Holz mit dem passendem Licht nun zum Verweilen einladen sollen. Dafür sind nun die Preise ähnlich astronomisch wie beim Seelenverkäufer.
Leicht irritiert davon – weshalb hat man nicht in größere Leinwände, bessere Sitze und ähnliches investiert – fällt die Wahl des Kinos bei mir mittlerweile nach dem bevorzugten Film. Ein ums andere Mal musste ich mich in meinem Freundeskreis schon rechtfertigen, weshalb es mich höchstens ein Achselzucken kostet, ein Ticket in der Kinofabrik zu buchen. Mir ist es im Prinzip einerlei, wobei, wenn ich mich schon in den Schoß der Kulturindustrie begebe, hüben oder drüben, dann ziehe ich im Zweifelsfalle eine große Leinwand vor. So auch an diesem Wochenende, und ich musste mich an meinen ersten Besuch in einem Cinedom erinnern. Das ist zwar schon über ein Jahrzehnt her, aber er hat Eindruck bei mir gemacht.
Mein erstes Mal in einem Cinedom: Da war ich wirklich beeindruckt, als ich das erste Mal in ihm stand. Eine endlos große Kuppel spannte sich über meinen Kopf, ganz aus Glas, das in wenige, schmale Stahlfassungen gepresst wurde und welches das Licht des Tages in den ganzen Komplex warf. Weit über mir führten schmale Laufstege von links nach rechts, von einer Empore zur anderen, und zu meiner Überraschung, wie ich nach mehreren Augenblicken erst erstaunt feststellte, auch noch auf verschiedenen Höhen. Majestätisch breite Rolltreppen sogten die Menschen auf und spuckten sie auf einer dieser Emporen weiter oben wieder aus, von wo aus man sich auf dem Labyrinth der Laufstege und Emporen und Empörchen und weiteren Rolltreppen seinen Kinosaal suchen musste. Und da lagen sie, nicht weniger als zwanzig Kinosäle, auf verschiedenen Ebenen und unterschiedlichen Höhen, kreuz und quer am Ende dieser Laufstege, jeder Eingang so groß wie ein Scheuentor, und es hätte keine Mühe bereitet, mit zwei Pferden nebeneinander in den Kinosaal zu reiten. Entsprechend erhaben war das Gefühl, durch dieses riesige Tor zu schreiten. Und nicht weniger majestätisch waren die Räume: War das Foyer, oder, dieses Wort trifft es besser: Eingangs-Halle, schon riesig, so kam mir, geübt im Erkennen miefiger Provinzkinosäle mir ihrem fehlenden Hochgang gegen Ende, sodass ich mir dort schon angewöhnt hatte, hinter der letzten Reihe einfach an der Wand gelehnt den Film zu verfolgen, dieser Saal vor wie eine Konstruktionshalle für Flugzeuge oder für U-Boote, ein Spielzimmer für Blauwale: Die Leinwand mehr als zehn Schritt hoch und bestimmt zwanzig Meter breit, verschämt verhüllt hinter einem leichten Vorhang, war der Fluchtpunkt der endlos emporsteigenden Sitzreihen, dies war die Mutter aller Tribünen, wie sie den alten Römern gut gefallen hätte. Breite, bequeme Sitze – für jeden Sitz gab es eigene Armlehnen und man musste sich diese nicht mit seinem Nebenmann in einem stillen Kampfe streitig machen! -,welche sogar Getränkehalter hatten! War ich es gewöhnt, so weit wie möglich nach hinten zu gelangen, so hatte meine Begleitung schon beim Kauf der Tickets darauf geachtet, nicht zu weit nach hinten zu verschwinden; so wahnwitzig groß die Leinwand beim Betreten des Saales auch wirkte, so klein wurde sie doch in gefühlten hundert Metern Entfernung. Schöne Plätze hatten wir, wahrlich schöne, zweimal in der Mitte: Einmal in der Mitte des Raumes von der Leinwand aus gesehen und einmal in der Mitte dieser endlosen Reihe, direkt den Fokus der Leinwand vor uns.
Und dann begann das, was ich heute für etwas übertrieben halte, es schon lange nicht mehr gesehen habe und es mir wirklich ein wenig zu bombastisch vorkommt, damals aber, das erste Mal, als ich es sah, mich in den Sitz drückte, als würde ich mit einer Rakete in den Weltraum fliegen: Die gedimmten Lichter erloschen gänzlich, die Musik, bisher leise aus den Lautsprechern um mich herum plätschernd, verstummte. Spannung knisterte förmlich durch den Saal, als leises, ganz leises Licht von vorne zu sehen war, Nebelschwaden zogen vor der Leinwand auf, aus dem Nichts ausgespuckt leckten die ersten Nebelfüße nach den vorderen Sitzen. Urplötzlich, von einer Sekunde auf die andere, zerriss die Wirklichkeit wie ein schmales Band, wie eine Haut, die sich dünn
und fest über einen Hohlkörper spannt und dann plötzlich wie ein Luftballon an einem Kaktus zerplatzt : Stakkatoartige Lichtblitze flogen auf, laute Musik zerriss die Nebelschwaden, mal von vorne, mal von hinten, Lichtlanzen bohrten sich vom Boden aus in die Decke, wo sie ihre Bestimmung darin zu sehen schienen, von einem tausendfach gebrochenen Spiegel in allen Farben des Regenbogens durch den Saal geschleudert zu werden, wo sie durch den Nebel abgelenkt wurden und den Saal in ein diffuses Aufblitzen hier, mal da tauchten, Feuerrot zu meiner Linken, Wasserblau zu meiner Rechten und über mir in grellem Gelb: Die Lasershow hatte begonnen. Nach dem Film – verwundert es noch, dass mir nicht einmal der Titel im Gedächtnis blieb – torkelte ich müde und durstig aus dieser Freakshow heraus. Zur damaligen Zeit war es nicht unüblich, vor und nach dem Film eine Lasershow geboten zu bekommen.
Dunkel und schummrig lagen die Laufstege in der Luft, über den anderen Sälen, die von mir durch Luftwände getrennt waren, summte dezent die Saalnummer. Von jenseits der Kuppel blitzten die Sterne zu mir herunter. Andächtig blieb ich einen Moment stehen, ließ die Menschen an mir vorbei und schaute hoch zu den Sternen, die bis zu mir herunter so wunderbar zu funkeln vermochten. Ich fragte mich, ob jedes Mal, wenn ich von nun an ein Kino betrete, meine Sinne derart betäubt würden, oder ob das nur der Eindruck eines hinterwäldlerischen Bauerntölpels war, der einmal ein klein wenig in der großen Welt an die frische Luft kam – war dies nicht alles eigentlich das Normale, und meine Vorstellungen, die ich mitbrachte, nicht eigentlich der ziemlich verschrobene Abklatsch dessen, was ich hier erlebte? So stand ich da, still in mich hineinfragend und ließ mich von meinen Begleitern mit hinaus in die Nacht ziehen.
Eigentlich, ja, eigentlich war es wirklich schön, es war wie ein Rausch, ein Rausch der Ewigkeit, der über mich hinweg blies, es war der Rausch des Augenblicks, des Momentes, der die Ewigkeit enthielt und in einen einzigen Punkt konzentrierte, auffing – und verging. Es war ein Aufbäumen der Sinne, ein Zelebrieren des Genusses nur des Genießens willen, und um sonst nichts. Es war etwas Erhabenes, Lyotard sei mein Zeuge, das ich da erlebte und das mich so schwindeln ließ.
Pingback: 2012, Avatar & Co: Arbeit unterm Spätkapitalismus « UnderTakeThisLaw