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Am 6. August jährte sich Adornos Todestag zum vierzigsten Male, er starb am 6.8.1969 im Alter von 65 Jahren. Leise ging es zu im Blätterwald – die ZEIT kannte das Datum nur in ihrem Kalenderblatt, die FAZ ignoriert es geflissentlich, die Springer-Welt erinnert sich in der Überschrift nur an nackte Titten – auch wenn Kraushaars Text nicht wirklich viel damit zu tun hat -  und die Frankfurter Rundschau setzt sich mit einem Film über Adorno auseinander, statt mit Adorno selbst. Die Jungle World sezierte Marcuse zum dreißigsten Todestag, aber nicht Adorno, die konkret vom August verliert auch kein Wort über ihn. Weiter mag ich gar nicht schauen, irritierte mich doch, dass der Östereichische ORF mehr zustande brachte und auch in Wien hat man sich anscheinend wenigstens irgendwie bemüht.

Wenigstens lässt einen die Blogosphäre nicht allein. So findet sich bei Aisthesis ein gelungener Nachruf.

Wenns also für einen vernünftigen Nachruf im Blätterwald nicht gereicht hat, könnte man wenigstens in die Archive gehen und dort was suchen, wenn man selbst nichts zustande bekommt. Da fände man zum Beispiel einen Text von Herbert Marcuse vom 24. August 1969 als Vorbereitung auf eine ARD-Sendung.

“Adorno [war] für mich viel zu lebendig, um eine »Würdigung« geben zu können – sein Werk war noch nicht abgeschlossen, beendet: sein Buch über das Ästhetische noch nicht erschienen. Aber ich muß ihn zurückrufen, weil in der letzten Zeit zwischen uns Differenzen bekannt geworden sind, die – gutwillig oder böswillig – entstellt werden.

Es waren Differenzen auf dem Grunde einer Ge­meinsamkeit und Solidarität, die sich im Entscheiden­den immer wieder durchgesetzt und durchgehalten hat.

Niemand hat so wie er der bestehenden Gesellschaft radikal gegenübergestanden, niemand sie so radikal gekannt und erkannt. Er konnte in ihr leben und den­ken, er konnte in ihr »Erfolg« haben und sich dieses Erfolges freuen, weil er in seinem Denken von ihr über­haupt nicht »infiziert« war, weil er in seinem Denken frei blieb. Dieses Denken duldete keinen Kompromiß, konnte keinen Kompromiß vertragen – selbst dort nicht, wo die Form seines Sprechens und Verhaltens »kompromittierend« erscheinen konnte. Er liebte For­men einer vergangenen Kultur: Formen der Höflich­keit, der Distanz, des Benehmens, der Härte – viel­leicht weil er in ihnen Schutz fand vor der brutalen, stupiden, falsch-egalitären Aufdringlichkeit des Be­stehenden, vielleicht aus Angst vor zuviel Mitleid, das die Notwendigkeit rücksichtsloser Kritik schwä­chen könnte. Ich fand diesen »aristokratischen« Zug in seinem Verhalten, dieses Zurückschrecken vor der schlechten Unmittelbarkeit sehr liebenswert.

Weil ihm der Schrecken des Bestehenden, und die Notwendigkeit der Veränderung im Hirn und in den Gliedern saß, waren für ihn Denken und Leben eines. Und Denken war für ihn die Kritik am Ganzen. Hat es je in seinem wachen Leben Augenblicke gegeben, wo er nicht unter dem Zwang des Denkens stand? Wo er nicht das Erlebnis und die Erfahrung reflektieren mußte, weil eben in dem Erlebnis und in der Erfahrung (wie »glücklich« sie auch gewesen sein mögen) der Schrecken des Ganzen stak? Ein Schrecken, der bewußt gemacht und erkannt werden mußte, damit die Schwere der notwendigen Veränderung sichtbar werde. Und in dem Maße, in dem es der bestehenden Gesellschaft gelang, das Bewußtsein dieser Notwen­digkeit zu ersticken – zu ersticken auch und gerade in den Klassen, die der geschichtliche Träger, das geschichtliche Subjekt der Veränderung waren – in eben dem Maße, mußte das Denken (sagen wir ruhig: das reine, d.h. kompromißlose Denken) die Last der Aufgabe tragen. Die Trennung der Theorie von der Praxis, die man ihm so laut vorgeworfen hat, war die »Schuld« der Wirklichkeit – er hat auf sie rea­giert.

Ich würde mich gegen unsere Freundschaft versün­digen, wenn ich hier nicht mit ein paar Worten auf das eingehen würde, was in der letzten Zeit zwischen uns stand (und das wir eben im Begriff waren persön­lich zu klären). Es war die verschiedene Bewertung der geschichtlichen Funktion der Studentenbewegung. Adorno hat von Anfang an auf Seiten dieser Bewegung gestanden: sie ist, wenigstens in Deutschland, ohne sein Werk wohl kaum denkbar. Und die vorlauten Ankläger sollten nicht vergessen, daß sie eine intellek­tuelle Bewegung ist, die auch dort noch von der Theo­rie lebt, wo sie die Theorie verlacht. Aber Adorno hat nicht geglaubt (und dies sind seine eigenen Worte), daß diese Bewegung (wenigstens in Deutschland) eine »gesellschaftsverändernde Kraft« sei. Er hat des­halb den »Aktionismus« der Bewegung abgelehnt, wo immer die Aktion seiner Meinung nach »grundlos« war, d. h. ohne exemplarische Kraft – Zeichen der Ohnmacht mehr als der Stärke, der Verzweiflung eher als der Hoffnung. Er hat in der Tat die Gewalt gehaßt, aber er war kein »Pazifist«, und er wußte sehr wohl zu unterscheiden zwischen der revolutionären Gewalt möglicher Befreiung und »bloßer« Gewalt, die ihr Ziel verfehlt, weil sie ohne gesellschaftlichen Boden ist. – Ich habe auf Grund meiner amerikani­schen Erfahrungen geschlossen, daß die Studentenbe­wegung doch eine gesellschaftsverändernde Kraft ist, die schon heute nicht mehr in den Rahmen parlamen­tarisch-demokratischer Institutionen eingespannt wer­den kann, und daß sie (wirklich oft verzweifelt, aber auch die Verzweiflung kann zur geschichtlichen Kraft werden) nach Formen der Aktion und Organisation strebt, die den neuen Repressionsformen des Spät­kapitalismus widersprechen können. Auch in diesem neuen Rahmen gibt es natürlich entartete Formen der Aktion, die mit radikaler Politik nicht das geringste zu tun haben und objektiv reak­tionär sind. Ich bin mit Adorno in der Ablehnung die­ser Formen immer einig gewesen.

Adornos Werk hat – wie kein anderes – die Marxsche Theorie in ihren letzten Intentionen weitergetrie­ben. Die Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft, und ihre mögliche Negation, werden in Bereichen der Kultur durchsichtig, die bisher – wenn überhaupt -nur vulgärmaterialistisch oder »wissenssoziologisch«, als »Überbau« der marxistischen Analyse, der Basis aufgestülpt wurden. Die Gesellschaft erscheint in ihrer ganzen Konkretheit in den sublimsten und ab­straktesten Dimensionen der Kultur. Ein Quartett Schönbergs, ein Passus in der Kritik der Praktischen Vernunft, das Vokabular eines Existentialisten, aber auch eine alltägliche Geste oder Ware: Adornos tech­nisch-minutiöse Analyse der Struktur, des Textes, der Form offenbart den materiellen, gesellschaftlichen Boden – und das, was über ihn hinausstrebt, gegen ihn steht: in die Zukunft möglicher Freiheit und Hu­manität. Das Resultat: so kann es nicht weitergehen -aber es geht weiter. Für Adorno war es die Forderung, weiter zu denken und Andere denken zu machen, um die kommende Praxis vorzubereiten.

Die Frage bleibt, ob nicht der »Stil« des Adornoschen Werkes dieses Ziel verstellt: die Distanz von der Praxis perpetuiert, das Scheitern sublimiert. Ich selbst habe behauptet, daß der radikale Inhalt heute eine radikalere, ja sogar mehr »unmittelbare« Form des Ausdrucks verlangt, wenn er nicht seine Substanz verlieren oder verleugnen soll. Mit anderen Worten: Vergröberung und Simplifizierung. Ich glaube, daß Adorno nie daran gezweifelt hat, daß der Stil seines Werkes nicht von der Substanz zu trennen, nicht zu unterscheiden ist. Seine Sprache sollte nicht der Verdinglichung, nicht der falschen Vertrautheit verfallen. Die »Anstrengung des Begriffes«, ohne die verändern­de Praxis unmöglich ist, verlangte nach einer Sprache, die sich von vornherein gegen das Zu-leicht-Nehmen des Begriffs sperrte. Denn was begriffen werden muß­te, war so schwer, so unheimlich, so fremd, daß es kaum noch in der geläufigen Sprache mittelbar war. Und doch mußte es mitgeteilt werden, wenn anders es je zur Praxis führen sollte. Adornos Sprache ist ge­tragen von der Angst, zu schnell und daher falsch ver­standen zu werden – daher die unendliche Differen­ziertheit, die sich oft überschlagende Dialektik seiner Sätze. Alles, was gesagt wird, wird, kaum ausgespro­chen, wieder in die Reflexion zurückgenommen und dann, aufgehoben, wieder gesagt. Mimikry, Versteck­spielen mit der Wahrheit – oder: die adäquate Weise, die Wahrheit zu sagen? Adornos Sätze haben mich manchmal wütend gemacht: ich glaube, das sollten sie. Jedenfalls sind die Differenzen zwischen ihm und mir gegenstandslos geworden: es gibt niemanden, der ihn vertreten, der für ihn sprechen kann. Ohne sein Werk ist ein Weiterdenken mir unvorstellbar. Ich habe ihm unendlich viel zu danken.”