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Der 9. November ist in der jüngeren deutschen Geschichte omnipräsent. Abseits von Mauerfall und Reichspogromnacht gibt es ein paar Eckpunkte, die leicht vergessen oder übersehen werden. Heute vor 40 Jahren sollte im Jüdischen Gemeindezentrum in Westberlin eine Bombe explodieren. Die Bombenleger: Linksradikale aus dem Umfeld der Haschrebellen. Die Tupamaros/Westberlin war die erste militante Gruppe aus dem Zerfallsmasse der Studentenbewegung. Ihr Bombenanschlag gab auch die Richtung der bekannteren Gruppen, RZ und RAF, vor. Die westdeutsche militante Linke war bereits mit ihrem ersten Attentat antisemitisch aufgestellt.

Der 6-Tage-Krieg und die westdeutsche Linke

Kein Ereignis ohne Vorgeschichte. Die Ereignisse des 9.11.1969 haben ihre Wurzeln im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und bei Rudi Dutschke. Es führt kein direkter Weg von hier nach da, jedoch ist eine deutliche Spur zu erkennen. Der SDS läutete auf dem 22. Delegiertenkongress am 4. bis 8. September 1967 eine Wende in dem Israelbild der westdeutschen Linken ein. Die Linke war bis dahin ein Vorreiter, was die Beziehungen zu Israel und den Juden angeht. Nur mit Hilfe der SPD wurde unter Adenauer 1953 das erste Wiedergutmachungsabkommen geschlossen; Adenauer hatte für diesen Meilenstein der westdeutschen Außenpolitik keine eigene Mehrheit. Doch 1967 änderte sich der Blick der Linken auf Israel schlagartig: Mit dem 6-Tage-Krieg, als die Opfer des Nationalsozialismus’ bewiesen, dass sie kein weiteres Mal sich ihr Schicksal aus den Händen nehmen lassen und einem Angriff der arabischen Staaten zuvor kamen, wandelten sie sich in den Augen der Kinder der Tätergeneration in Deutschland von den ehemaligen Opfern zu den heutigen Tätern. Ein Schwarz-Weiß-Denken bestimmte die Sicht der Linken, und ganz nebenbei wurde mit dem Geschwafel von (palästinensischem) Volk eine nationale, wenn nicht gar völkische Komponente in die Argumentationsmuster eingewoben. Die Linke kannte nicht mehr den Unterschied zwischen Klassen, zwischen Reich und Arm, sondern zwischen Nationalitäten und Völkern. Befreiung wurde nicht mehr international verstanden, die Rede war vielmehr die von der nationalen Befreiung. In den USA gab es nur noch Kapitalisten, keine Unterdrückten mehr, der Vietcong war der Held der Stunde – und die Palästinenser sollten ebenfalls auf den Sockel der nationalen Vorreiter der Befreiung werden. So kam auf der 22. Delegiertenkonferenz in dem entscheidenden Referat von Dutschke und Krahl nicht nur das Schlagwort von der “Propaganda der Tat” auf, sondern es wurde auch eine Resolution zur Abstimmung vorgelegt, in der Israel als der “Brückenkopf des Imperialismus” gegeißelt wurde. Gleich zu Anfang heißt es:

” Der Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn kann nur auf dem Hintergrund des antiimperialistischen Kampfes der arabischen Völker gegen die Unterdrückung durch den angloamerikanischen Imperialismus analysiert werden. [...] Zionistische Kolonisierung Palästinas hieß und heißt bis heute: Vertreibung und Unterdrückung der dort lebenden eingeborenen palästinensischen Bevölkerung durch eine privilegierte Siedlerschicht. [...] Die Anerkennung des Existenzrechts der in Palästina lebenden Juden durch die sozialrevolutionäre Bewegung in den arabischen Ländern darf nicht identsich sein mit der Anerkennung Israels als Brückenkopf des Imperialismus und als zionistisches Staatsgebilde.”

Hier findet sich die Munition für die Argumentation der Linken für Jahrzehnte: Israel wird das Existenzrecht aberkannt, ein bipolares Weltbild zwischen “Imperialismus” und “sozialrevolutionärer Bewegung” gespannt, das durch die Aufpfropfung ideologischer Großkategorien – Kapitalismus hier, Sozialismus da – gegen den berechtigten Vorwurf der antisemitischen Aufladung des Konfliktes immunisieren sollte.

Der Anschlag auf jüdische Gemeindezentrum am 9.11.1969

Zur Gedenkveranstaltung waren unter den knapp 250 Teilnehmern auch der Berliner Bürgermeister und der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlins. Die Bombe explodierte nicht, im Polizeibericht steht später, dass die Zündkabel wegen zu hoher Korrosion nicht geeignet waren, den elektrischen Impuls zu übertragen. Der Zeitzünder wurde allerdings ausgelöst. In der Zeitschrift agit883 erscheint am 13.11. ein Bekennerflugblatt. Darin heißt es:

“Die als Wiedergutmachung und Entwicklungshilfe getarnten Milliarden der BRD sind in den zionistischen Verteidigungshaushalt eingeplant. [...] Unter dem schuldbewußten Deckmantel der Bewältigung der faschistischen Greueltaten gegen Juden hilft sie entscheidend mit an den faschistischen Greueltaten Israels gegen die palästinensischen Araber.” [...] Das bisherige Verharren der Linken in theoretischer Lähmung bei der Bearbeitung des Nahostkonflikts ist ein Produkt des deutschen Schuldbewußtseins: ‚Wir haben eben Juden vergast und müssen die Juden vor einem neuen Völkermord bewahren.’ Die neurotisch-historizistische Aufarbeitung der geschichtlichen Nichtberechtigung eines israelischen Staates überwindet nicht diesen hilflosen Antifaschismus. Der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung mit den kämpfenden Feddayin. [...] Jede Feierstunde in Westberlin und in der BRD unterschlägt, daß die Kristallnacht von 1938 heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt wird. Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.“

Bekennerschreiben in der agit883 vom 13.11.1969, 1.Jg. Nr. 40, S.9

Hier finden sich alle Elemente eines antisemitischen Antizionismus: Israel wird das Existenzrecht abgesprochen, es erfolgt eine Identifizierung aller Juden mit dem Staat Israel und es findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Der Linken wird die Einordnung des Zionismus’ und des Staates Israel in die historischen Zusammenhänge, wie sie seit 1967 immer wieder von Linken angemahnt wurde, als “hilfloser Antifaschismus” vorgeworfen: Einer wie auch immer situierten theoretischen Reflexion wird die “Propaganda der Tat” entgegen gehalten.  “Die Sache” soll vor dem Vorwurf immunisieren, man habe es hier mit einer antisemitischen Tat zu tun, während die Bombe im jüdischen Gemeindezentrum nur aus Zufall nicht explodierte. Die Bombe stammte übrigens von einem V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes. Ein Umstand, der damals gerne unter den Tisch gekehrt wurde, fürchtete man sich doch vor den zu erwartenden Reaktionen aus dem In- und Ausland. Aber man hatte, was man wollte: Eine militante linke Bewegung, die vor Nichts zurückschreckt und  es nun mehr als gerechtfertigt ist, gegen sie vorzugehen.

Der 9.11.1969 als Startschuss antisemitischen Terrors

Die Bombe im jüdischen Gemeindezentrum war der Auftakt für die Terrorwellen der 70er Jahre. Sie wirkte als Vorbild und als Fanal in der Linken. Die argumentativen Muster in der Verteufelung Israels und die eindimensionale Wahrnehmung des Nahostkonfliktes spielten bei der Rechtfertigung des Attentats auf die israelische Olympiamannschaft am 5.9. 1972 ebenso eine Rolle wie bei der Flugzeugentführung von Entebbe, als der Gründer der Revoluzionären Zellen, Wilfried Böse, alle Juden vom Rest der Passagiere selektierte. Anschläge auf “zionistische” Fluggesellschaften und Fabriken wurden mit der selben Rhetorik gerechtfertigt. Erst in den 90er Jahren fand eine kritische Reflexion innerhalb der RZ statt.

…Aggressionspotentiale nutzbar zu machen…

Die Linke täte gut daran, einmal in ihrer eigenen Geschichte zu bohren. Das Wissen, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen schützt nicht davor, Fehler zu begehen. Vor allem der nationale Blindflug, gerade im Zeichen des Internationalismus auf die nationale Karte zu setzen, führten in der Konsequenz zu einer fatalen Überidentifizierung mit vermeintlichen Trägern des Fortschritts. Eingepackt in  marxistischem Vokabular fühlte man sich immun gegen antisemitische Tendenzen, und holte gerade diese mit dem radikalen Antizionismus ins Boot. “Die antizionistische Selbststilisierung dokumentiert ein Bedürfnis nach Weltanschauung, die von der Wirklichkeit in Geschichte und Gegenwart unabhängig macht”, hält Detlev Claussen fest. Dadurch spielten eine historische Herangehensweise und Fakten abseits eines bipolaren Weltbildes im Blick auf den Nahostkonflikt an sich keine Rolle. Die Fragen sind berechtigt, ob der Einstellungswechsel der Neuen Linken Israel gegenüber lediglich eine Entlastungsfunktion hatte, um sich von den von ihren Eltern begangenen Taten abzugrenzen oder, schärfer formuliert, die blindwütige Trennung zwischen Antizionismus und Antisemitismus dazu diente, Aggressionspotentiale ohne Rückbezug auf “Jude” oder “jüdisch” nutzbar zu machen.

Wie auch immer, der 9.11. gibt Anlass zum Nachdenken. Über das eine, wie über das andere. Eine Linke, die an den 9.11.1938 erinnert wie der Rest der BRD es in den Erinnerungskanon aufgenommen hat, gleichzeitig aber den 9.11.1969 vergisst, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein wenig selektiv in ihrer Erinnerung an historische Ereignisse heranzugehen. Und das nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die gleichen Argumentationsmuster, die damals den Anschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum rechtfertigen sollten, heute noch benutzt werden.