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9.11., Antisemitismus, Deutschland, Geschichte, Linke, Politics, Politik, Tupamaros
Der 9. November ist in der jüngeren deutschen Geschichte omnipräsent. Abseits von Mauerfall und Reichspogromnacht gibt es ein paar Eckpunkte, die leicht vergessen oder übersehen werden. Heute vor 40 Jahren sollte im Jüdischen Gemeindezentrum in Westberlin eine Bombe explodieren. Die Bombenleger: Linksradikale aus dem Umfeld der Haschrebellen. Die Tupamaros/Westberlin war die erste militante Gruppe aus dem Zerfallsmasse der Studentenbewegung. Ihr Bombenanschlag gab auch die Richtung der bekannteren Gruppen, RZ und RAF, vor. Die westdeutsche militante Linke war bereits mit ihrem ersten Attentat antisemitisch aufgestellt.
Der 6-Tage-Krieg und die westdeutsche Linke
Kein Ereignis ohne Vorgeschichte. Die Ereignisse des 9.11.1969 haben ihre Wurzeln im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und bei Rudi Dutschke. Es führt kein direkter Weg von hier nach da, jedoch ist eine deutliche Spur zu erkennen. Der SDS läutete auf dem 22. Delegiertenkongress am 4. bis 8. September 1967 eine Wende in dem Israelbild der westdeutschen Linken ein. Die Linke war bis dahin ein Vorreiter, was die Beziehungen zu Israel und den Juden angeht. Nur mit Hilfe der SPD wurde unter Adenauer 1953 das erste Wiedergutmachungsabkommen geschlossen; Adenauer hatte für diesen Meilenstein der westdeutschen Außenpolitik keine eigene Mehrheit. Doch 1967 änderte sich der Blick der Linken auf Israel schlagartig: Mit dem 6-Tage-Krieg, als die Opfer des Nationalsozialismus’ bewiesen, dass sie kein weiteres Mal sich ihr Schicksal aus den Händen nehmen lassen und einem Angriff der arabischen Staaten zuvor kamen, wandelten sie sich in den Augen der Kinder der Tätergeneration in Deutschland von den ehemaligen Opfern zu den heutigen Tätern. Ein Schwarz-Weiß-Denken bestimmte die Sicht der Linken, und ganz nebenbei wurde mit dem Geschwafel von (palästinensischem) Volk eine nationale, wenn nicht gar völkische Komponente in die Argumentationsmuster eingewoben. Die Linke kannte nicht mehr den Unterschied zwischen Klassen, zwischen Reich und Arm, sondern zwischen Nationalitäten und Völkern. Befreiung wurde nicht mehr international verstanden, die Rede war vielmehr die von der nationalen Befreiung. In den USA gab es nur noch Kapitalisten, keine Unterdrückten mehr, der Vietcong war der Held der Stunde – und die Palästinenser sollten ebenfalls auf den Sockel der nationalen Vorreiter der Befreiung werden. So kam auf der 22. Delegiertenkonferenz in dem entscheidenden Referat von Dutschke und Krahl nicht nur das Schlagwort von der “Propaganda der Tat” auf, sondern es wurde auch eine Resolution zur Abstimmung vorgelegt, in der Israel als der “Brückenkopf des Imperialismus” gegeißelt wurde. Gleich zu Anfang heißt es:
” Der Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn kann nur auf dem Hintergrund des antiimperialistischen Kampfes der arabischen Völker gegen die Unterdrückung durch den angloamerikanischen Imperialismus analysiert werden. [...] Zionistische Kolonisierung Palästinas hieß und heißt bis heute: Vertreibung und Unterdrückung der dort lebenden eingeborenen palästinensischen Bevölkerung durch eine privilegierte Siedlerschicht. [...] Die Anerkennung des Existenzrechts der in Palästina lebenden Juden durch die sozialrevolutionäre Bewegung in den arabischen Ländern darf nicht identsich sein mit der Anerkennung Israels als Brückenkopf des Imperialismus und als zionistisches Staatsgebilde.”
Hier findet sich die Munition für die Argumentation der Linken für Jahrzehnte: Israel wird das Existenzrecht aberkannt, ein bipolares Weltbild zwischen “Imperialismus” und “sozialrevolutionärer Bewegung” gespannt, das durch die Aufpfropfung ideologischer Großkategorien – Kapitalismus hier, Sozialismus da – gegen den berechtigten Vorwurf der antisemitischen Aufladung des Konfliktes immunisieren sollte.
Der Anschlag auf jüdische Gemeindezentrum am 9.11.1969
Zur Gedenkveranstaltung waren unter den knapp 250 Teilnehmern auch der Berliner Bürgermeister und der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlins. Die Bombe explodierte nicht, im Polizeibericht steht später, dass die Zündkabel wegen zu hoher Korrosion nicht geeignet waren, den elektrischen Impuls zu übertragen. Der Zeitzünder wurde allerdings ausgelöst. In der Zeitschrift agit883 erscheint am 13.11. ein Bekennerflugblatt. Darin heißt es:
“Die als Wiedergutmachung und Entwicklungshilfe getarnten Milliarden der BRD sind in den zionistischen Verteidigungshaushalt eingeplant. [...] Unter dem schuldbewußten Deckmantel der Bewältigung der faschistischen Greueltaten gegen Juden hilft sie entscheidend mit an den faschistischen Greueltaten Israels gegen die palästinensischen Araber.” [...] Das bisherige Verharren der Linken in theoretischer Lähmung bei der Bearbeitung des Nahostkonflikts ist ein Produkt des deutschen Schuldbewußtseins: ‚Wir haben eben Juden vergast und müssen die Juden vor einem neuen Völkermord bewahren.’ Die neurotisch-historizistische Aufarbeitung der geschichtlichen Nichtberechtigung eines israelischen Staates überwindet nicht diesen hilflosen Antifaschismus. Der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung mit den kämpfenden Feddayin. [...] Jede Feierstunde in Westberlin und in der BRD unterschlägt, daß die Kristallnacht von 1938 heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt wird. Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.“
Hier finden sich alle Elemente eines antisemitischen Antizionismus: Israel wird das Existenzrecht abgesprochen, es erfolgt eine Identifizierung aller Juden mit dem Staat Israel und es findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Der Linken wird die Einordnung des Zionismus’ und des Staates Israel in die historischen Zusammenhänge, wie sie seit 1967 immer wieder von Linken angemahnt wurde, als “hilfloser Antifaschismus” vorgeworfen: Einer wie auch immer situierten theoretischen Reflexion wird die “Propaganda der Tat” entgegen gehalten. “Die Sache” soll vor dem Vorwurf immunisieren, man habe es hier mit einer antisemitischen Tat zu tun, während die Bombe im jüdischen Gemeindezentrum nur aus Zufall nicht explodierte. Die Bombe stammte übrigens von einem V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes. Ein Umstand, der damals gerne unter den Tisch gekehrt wurde, fürchtete man sich doch vor den zu erwartenden Reaktionen aus dem In- und Ausland. Aber man hatte, was man wollte: Eine militante linke Bewegung, die vor Nichts zurückschreckt und es nun mehr als gerechtfertigt ist, gegen sie vorzugehen.
Der 9.11.1969 als Startschuss antisemitischen Terrors
Die Bombe im jüdischen Gemeindezentrum war der Auftakt für die Terrorwellen der 70er Jahre. Sie wirkte als Vorbild und als Fanal in der Linken. Die argumentativen Muster in der Verteufelung Israels und die eindimensionale Wahrnehmung des Nahostkonfliktes spielten bei der Rechtfertigung des Attentats auf die israelische Olympiamannschaft am 5.9. 1972 ebenso eine Rolle wie bei der Flugzeugentführung von Entebbe, als der Gründer der Revoluzionären Zellen, Wilfried Böse, alle Juden vom Rest der Passagiere selektierte. Anschläge auf “zionistische” Fluggesellschaften und Fabriken wurden mit der selben Rhetorik gerechtfertigt. Erst in den 90er Jahren fand eine kritische Reflexion innerhalb der RZ statt.
…Aggressionspotentiale nutzbar zu machen…
Die Linke täte gut daran, einmal in ihrer eigenen Geschichte zu bohren. Das Wissen, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen schützt nicht davor, Fehler zu begehen. Vor allem der nationale Blindflug, gerade im Zeichen des Internationalismus auf die nationale Karte zu setzen, führten in der Konsequenz zu einer fatalen Überidentifizierung mit vermeintlichen Trägern des Fortschritts. Eingepackt in marxistischem Vokabular fühlte man sich immun gegen antisemitische Tendenzen, und holte gerade diese mit dem radikalen Antizionismus ins Boot. “Die antizionistische Selbststilisierung dokumentiert ein Bedürfnis nach Weltanschauung, die von der Wirklichkeit in Geschichte und Gegenwart unabhängig macht”, hält Detlev Claussen fest. Dadurch spielten eine historische Herangehensweise und Fakten abseits eines bipolaren Weltbildes im Blick auf den Nahostkonflikt an sich keine Rolle. Die Fragen sind berechtigt, ob der Einstellungswechsel der Neuen Linken Israel gegenüber lediglich eine Entlastungsfunktion hatte, um sich von den von ihren Eltern begangenen Taten abzugrenzen oder, schärfer formuliert, die blindwütige Trennung zwischen Antizionismus und Antisemitismus dazu diente, Aggressionspotentiale ohne Rückbezug auf “Jude” oder “jüdisch” nutzbar zu machen.
Wie auch immer, der 9.11. gibt Anlass zum Nachdenken. Über das eine, wie über das andere. Eine Linke, die an den 9.11.1938 erinnert wie der Rest der BRD es in den Erinnerungskanon aufgenommen hat, gleichzeitig aber den 9.11.1969 vergisst, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein wenig selektiv in ihrer Erinnerung an historische Ereignisse heranzugehen. Und das nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die gleichen Argumentationsmuster, die damals den Anschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum rechtfertigen sollten, heute noch benutzt werden.

Hallo,
der 9.11. gibt schon seit langer Zeit Anlass zum Gedenken, besser zum Nachdenken, besonders natürlich der von 69. Ich habe das damals miterlebt und möchte deshalb dazu Korrekturen anregen.
Du schreibst, die Täter kamen aus dem Umkreis der Haschrebellen. Das ist nicht richtig, aber auch nicht ganz falsch. Der Inspirator der Aktion kam aus der K1 und versuchte, das Label der Haschrebellen für seine Zwecke zu nutzen. Das konnte ihm zum Teil gelingen, wie man an Deiner Beschreibung sehen kann, weil die Haschrebellen naturgemäß keine Organisationsstruktur hatten. Das ging gegen ihr Prinzip. Von daher konnten sie sich auch nie gegen blödsinnige Vereinnahmungen wehren.
Ich selbst gehörte zu dieser Kohorte, war aber entsetzt über diese nicht nur politisch kriminelle Aktion. Die Redaktion der 883 und viele andere Gruppen kritisierten sofort dieses Politverbrechen. Ich kannte niemanden, der die Aktion verteidigt hätte, außer Dieter Kunzelmann und sein unmittelbarer Umkreis und selbst der hat sich in seiner Autobiografie später davon distanzert.
Es ist also m.E. nicht gerechtfertigt, die Aktion den Haschrebellen zuzuschreiben und sie als Fanal für spätere Aktionen zu sehen. Die RAF und Ulrike Meinhof haben sich auch nie auf sie bezogen, selbst in ihrer Befürwortung des Attentats in München. Allerdings sind erhebliche Ähnlichkeiten in der Argumentation nicht zu übersehen. Das liegt aber eher an den direkten Kontakten, die beide Gruppen mit El Fatah hatten.
Was mich heute erschüttert sind die Stellungnahmen einzelner SDS-Mitglieder zu Israel und den Palästinensern. Das ist ja gut bei Kloke nachzulesen. Leider habe ich nur einen verkürzten Artikel von Kloke online zur Vefügung. Deshalb meine Frage an Dich: Wurde die von Dir erwähnte Resolution tatsächlich verabschiedet oder ist sie als Material zu den Akten genommen worden? Ich finde, das entschuldigt nichts, macht aber doch einen Unterschied aus. Es würde immerhin zeigen, dass die Frage noch umstritten war.
Zurück zu den Haschrebellen. Es gibt ein Plakat der Haschrebellen, das alle möglichen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt mit ihren Emblemen zeigt, darunter auch die El Fatah. Ich bezweifle aus eigener Erfahrung, dass die Designer des Plakats wußten, wofür die El Fatah wirklich stand. Die wußten nicht mal, dass in der DDR der Marxismus-Leninismus gepredigt wurde. Die Aufnahme der El Fatah in diesen Reigen zeigt jedoch, dass offenbar in der Linken die El Fatah weithin positiv gesehen wurde. Und dafür sind nicht zuletzt Dutschke und Krahl mitverantwortlich. Das zeigt der Textausschnitt, den Du dankenswerter Weise abgebildet hast. Ich selbst neigte damals der israelischen Mazpen zu, die gute Kontakte zur palästinensischen Hawatmeh-Gruppe pflegte, die angeblich linkskommunistische Positionen vertrat. Beide Gruppen befürworteten einen laizistischen gemeinsamen Staat beider Volksgruppen. Vor ein paar Jahren habe ich mir mal die Website dieser angeblichen Kommunisten angeschaut. Da wurde mir schlecht. Es las sich eher wie Goebbelstexte denn als Karl Marx. M.a.W. ich war kuriert. Das blieb nicht ohne Konsequenzen.
Die SDS-Veteranen-Website, die ich als Webmaster betreue (isioma.net), ist aus einer Auseinandersetzung mit Marxisten-Leninisten (heute: infopartisan.net) über die Frage der Kritik an Islamisten/Palästinensern und Sympathie mit Israel entstanden. Uns wurde prompt einerseits das Label “antideutsch” (im Sinne der Bahamas) und andererseits paradoxerweise “deutschnationale Feministen” bzw. “Rassisten” angehängt. Die bis dahin gemeinsame Domain (partisan.net) wurde von den regredierten ML-ern gesprengt, indem deren Obermufti die SDS-Website löschte. Dies zeigt überdeutlich, wie wichtig die Aufarbeitung der linken Irrtümer und die Kritik an dem linken Relativismus ist und bleibt. Insofern ist die Stoßrichtung Deines Textes nur zu begrüßen.
Eric.
Danke für Deine ausführliche Stellungnahme. Ich hatte zuerst eine kurze Passage über dem Artikel, den ich letztlich doch wieder löschte: Eigentlich hatte ich vor, einen Artikel zu dem Thema zu publizieren, kam dann jedoch irgendwie doch nicht dazu. Ich suchte einen guten Artikel im Netz, auf den ich dann wenigstens verlinken könnte – es findet sich dazu jedoch keiner, also musste ich aus der Not und auf die Schnelle doch selbst etwas schreiben.
Das erklärt vielleicht auch so manche Verkürzung, nicht falsch ist jedoch die Formulierung “Umfeld der Haschrebellen” – sie ist jedoch nicht besonders präzise. Das liegt jedoch daran, dass es, wie Du schreibst, eigentlich gar nicht präziser geht.
Die angesprochene Resolution wurde nicht verabschiedet. Rudi Dutschke musste seinen ganzen Einfluss geltend machen, um eine Abstimmung über diese Resolution zu verhindern. Über sein Motiv lässt sich schwerlich etwas herausfinden, jedenfalls habe ich in seinen Texten und Tagebüchern nichts dazu gefunden. Die Resolution gibt m.E. jedoch sehr gut die damalige Stimmungslage wider. Dieses Sammelbecken SDS, aus dem sich die spätere Neue Linke in all ihren Facetten speiste, gab die Israelposition, wie sie in dieser Resolution zu greifen ist, an die nachfolgenden Organisationen und Gruppierungen weiter. Ich denke, darin liegt auch der gleiche Aufbau der Argumentation bei den Tupamaros/West-Berlin, der RAF und den RZ begründet. Es war ein Fanal deswegen, weil die kompromisslose Radikalität gegen Juden allgemein so unmissverständlich zum Ausdruck kam. Meinhof & Co. mussten sich erst garnicht auf dieses Attentat beziehen, um in den späteren Jahren in einer Linie mit dem 9.11.1969 zu stehen.
Hallo,
danke für die schnelle Antwort. Ich will nochmals darauf eingehen, weil mir Dein Stil gefällt. Ich sehe bei Dir keine Anmache, sondern den Versuch zu verstehen.
Mit dem Wort “Umfeld” muss ich mich wohl abfinden, obwohl es mir immer noch gegen den Strich geht. Auch Deiner irgendwie verständlichen Einschätzung der Rolle des SDS kann oder besser will ich mich nicht so ganz anschließen.
Ich finde, dieser unglaubliche Resolutionsentwurf verdeutlicht eine Degenerationserscheinung, die sich inmitten dieses Verbandes vollzog. Ich frage mich allerdings, was die wahren Ursachen dieses Prozesses waren.
Bis zu den kommunistischen Jugendfestspielen in Bulgarien im Spätsommer 1968 hatten die sog. Traditionalisten, also die sich als MLer verstehenden Moskaufreunde, in einigen wichtigen Unis einen starken Einfluss auf den SDS. Und Moskau unterstützte die Araber gegen Israel, was bekanntlich schon in den 50ern zu antisemitischen Kampagnen führte. Die sog. Antirevisionisten, also vorwiegend Chinafreunde, sahen ihren Hauptfeind ebenfalls in den USA und den mit ihr verbündeten Staaten. Diese zwei Fraktionen waren 68 zwar stark, wenn auch gegeneinander schwer aufgestellt, aber die Antiautoritären und gemäßigten Sozialisten hielten noch dagegen. Ich glaube, nicht zuletzt wegen dieser Unvereinbarkeiten löste sich der Verband dann 1970 auf.
M.a.W. die ideologische Verwirrung kam eher von außerhalb. Ich kenne keine einzige theoretische Abhandlung aus SDS-Kreisen, die begründet hätte, weshalb plötzlich Israel zum Feind erklärt werden müsste. Die Verbandszeitschrift Neue Kritik hätte davon berichtet. Die erschreckenden Zitate und Handlungen, die Du und Kloke anführen, scheinen Resultate aktionistischer Politik zu sein, völlig abgehoben von theoretischer Debatte.
Im Nachhinein sehe ich das eher wie eine Fieberwelle, die über uns kam. Es war ja nicht nur die Israelfeindschaft, die plötzlich um sich griff, es betraf ja auch die Aufgabe anderer antiautoritärer Positionen. Wie kann es sein, dass sich plötzlich Stalin als Held verkaufen läßt? Oder wie kann es sein, dass vormals Antiautoritäre sich einem Bagwan anvertrauen? Selbst einige Haschrebellen wurden plötzlich davon erfasst und meinten, sich einer ML-Partei anschließen zu müssen, in ihrem Falle der RAF. Andere gründeten dann das Konkurrenzunternehmen vom 2. Juni.
Einige von uns aus dem SDS haben vor etwa 10 Jahren in mühseliger Kleinarbeit, d.h. in kommuneartigen Treffen über Jahre hinweg versucht, diese Fragen zu klären. Gute Antworten kann ich Dir leider nicht bieten, zu unterschiedlich waren unsere Werdegänge vor, während und nach 68.
Nur soviel: Wir konnten uns nicht mal darauf einigen, was der Kern unseres damaligen Engagements gewesen ist. Wir hatten alle völlig unterschiedliche Motivationen in die Bewegung gebracht. Von daher ist es auch kein Wunder, dass sich daraus keine Kontinuität ableiten ließ.
Und unsere heutigen Ansichten sind mindestens genau so unterschiedlich, wenn nicht noch viel größer als damals. Das betrifft u.a. auch die Einschätzung der Rolle Israels. Da hat sich nicht viel verändert. Allerdings will niemand aus diesem Dutzend Israel von der Landkarte streichen. Von aktiver Solidarität war allerdings leider auch nicht die Rede.
Eric.
PS: Deinen Text (etwas verkürzt) und Klokes ebenfalls habe ich gesetzt und verlinkt:
isioma.net/i-geschichte.html und http://www.isioma.net/i-subjekt.hml.
Interessant, dass du erwartet hast, dass Du hier angemacht werden könntest. Von sowas bin ich weit entfernt.
Ich denke, ein Hauptgrund liegt im antiimperialistischen Weltbild begründet. Die Einteilung der Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß ließ eben keine Zwischentöne zu. Das zieht sich ja bis heute teilweise durch. Die USA fallen in diesem Raster ausschließlich in die Kategorie “Böse”. Und da zu der Zeit die Grenzen in der Blockkonfrontation so gezogen waren, dass Israel in das Lager der USA eingeordnet wurde, übertrug sich dieses Etikett von den USA auf Israel. Vergessen die euphorische Aufbruchstimmung mit den Kibbuzim, vergessen die Mahnungen aus der Linken wie z.B. von Jean Améry.
Anmache ist ja leider weit verbreitet, besonders in der linken Szene. Ich habe da schlechte Erfahrungen machen müssen. Dass Du Dich da eben nicht beteiligst, wollte ich deshalb ausdrücklich hervorheben..
Inhaltlich stimme ich Dir voll zu. Die Imperialismusdebatte war im SDS nicht wirklich fundiert geführt worden. Es gab einige wenige, die über einzelne Aspekte geschrieben oder gesprochen hatten, aber ob Lenin, Kautsky oder sonstwer eine richtige Theorie vertraten, wurde nicht wirklich diskutiert. Mit der steigenden Wut über die Kriegsgreuel der Amis in Vietnam waren viele von uns nur zu bereit, Propagandisten wie dem Trotzkisten Ernest Mandel zu folgen und sich der Leninschen Imperialismustheorie anzuschließen. Ich selbst neigte dann Lin Biaos Weltdorf vs. Weltstadt Theorie zu.
Mit Nixons Besuch in China, mit den furchbaren Nachrichten aus Kampuchea und endlich der genauen Lektüre von Lenins und Bucharins Imperialismustexten, wurde mir klar, dass da irgend etwas nicht ganz stimmt. Inzwischen waren aber die ML-Parteien in voller Blüte und die Linke auf dem Trip des primitiven Antiamerikanismus.
Diese Verkürzungen der Theorie erstreckten sich dann auch auf die Einschätzung Israels, das mit einigen außenpolitischen Manövern, wie der Zusammenarbeit mit dem Schah-Regime und dem Apartheid-Staat in Südafrika, dieser Sicht Recht zu geben schien.
Inwieweit der traditionelle deutsche Antisemitismus eine Rolle spielt, kann ich nicht wirklich beurteilen. Ich habe dafür einige Indizien bei einigen meiner Genossen gesehen. Ob das aber verallgemeinerbar ist, müsste einer genaueren Untersuchung vorbehalten bleiben.
Was die Frage des Imperialismusbegriffs betrifft, gibt’s meines Wissens in letzter Zeit leider keine großen Fortschritte. Vor ein paar Jahren haben wir mal versucht, eine Diskussion anzustoßen, aber ohne bleibenden Erfolg. Wir haben das auf unserer Website dokumentiert, versehen mit einigen Texten und Links: http://www.isioma.net/i-antiimpkritik.html. Schau’s Dir mal an.
Die Website ist eine Fundgrube für ’68. Ich bin die ganze Zeit schon am Stöbern.
Danke für den Link.
Liegt das an meinem PC, oder geht der Link einfach nicht?
Welcher Link? Bei mir gehen alle?
Ah, du meinst den von Eric de Bear. Ja, der geht anscheinend nichtmehr. Hm. Schade. Da war ne gute Seite.
Danke für den Hinweis. Die automatische Erneuerung hatte leider nicht geklappt. Jetzt geht’s wieder.
Zum Thema gibt’s auch Neues. Ein Text von Günter Langer zum Agitationsmaterial der Palästinenser zur Zeit 68/70: Klick auf http://www.isioma.net/sds100302.html.
Im Zusammenhang mit dem hier besprochenen Thema dürfte Euch vielleicht auch die Zusammenstellung von Texten und Links zur brau-grünen Achse interessieren:
http://www.isioma.net/sds100304.html
Schön, dass die Seite wieder da ist. Und danke für die interessanten Links.
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