Was haben die Filme 2012 und Avatar gemeinsam? Sie entstammen beide der Hollywood-Filmschmiede, es sind beides angekündigte Blockbuster, sie sind die Speerspitze des technisch Möglichen – sie sind dabei doch nichts anderes als Hollywoodfilme, die sich ständig selbst übertreffen müssen. Somit ist ihnen noch etwas gemein: Sie reihen sich anstandslos ein zu all den anderen Filmen, die eine kurze Zeit Stoff für Hollywoodmärchen gaben, mit gigantischem Werbetetat unterfüttert und in die Welt geballert wurden, als gäbs kein Morgen mehr.
Bei 2012 habe ich mich noch gefragt, wann ich das letzte Mal so schön Hochhäuser habe einstürzen sehen. Bei Avatar fragte ich mich dann, weshalb sich die Menschen einen solch realistischen Spiegel vorhalten lassen möchten. Spiegelung und Bestätigung des eigenen Handelns, obwohl das Ende doch überhaupt nicht gut für sie ausgeht? Sieht man sich gerne bei der Mordarbeit zu, wenn drumherum eine Science-Fiction-Story gestrickt wurde und hält man sich damit die Tatsachen vom Pelz? Sei´s drum, für Avatar gibt es eine sehr treffende Filmanalyse, auf die ich verweisen möchte. Mir kommt bei den beiden Filmen noch ein anderer Gedanke, eher die Frage, wie Hollywood in diesen und mit diesen Filmen funktioniert. Um´s kurz zu machen: Sie halten uns tatsächlich einen Spiegel vor, nur dass dort die Bilder weiter laufen, als sie es in unserem Leben tun.
Auf einer viel tieferen Ebene erzählen die Filme nämlich eine andere Geschichte – wie so viele, viele Hollywood-Filme zuvor und wohl auch kommende. Diese Blockbuster funktionieren, weil sie den Frontier-Gedanken in die Postmoderne übersetzen. Es ist die Frage nach dem Ziel und dem Weg – es ist die Frage des Strebens des einzelnen Menschen wie der ganzen Menschheit.
Filme haben es da einfach. Sie machen es sich einfach. Der Menschheit und dem einzelnen wird eine Aufgabe, ein Ziel von außen vorgegeben, das es zu erreichen gilt, ultimativ gestellt durch die Apokalypse bei dem einen Beispiel, durch übermächtige Gegner bei dem anderen. Beide, Mensch und Menschheit (oder, im Falle Avatars, die Identifikationspendants), müssen über sich hinauswachsen, sich in ihren Werten und Normen, ihren Vorstellungen und Handlungen vergewissern, um das Ziel zu erreichen. Der Hauptdarsteller im Film lebt nur für diese kurze Zeitspanne, in der er auf der Leinwand steht. Er erzählt diese Geschichte von Mensch und Menschheit in 158 beziehungsweise 162 Minuten. Die Frontier wird zur Kartharsis des Films, die so lange anhält, wie die Lichter noch nicht gänzlich brennen. Das ist der Spiegel, den uns der Film vorhält, es ist Projektionsfläche und Wunschvorstellung in einem; die Projektionsfläche kennen wir alle, wenn wir uns in unseren Lieblingshauptdarsteller hineinversetzen und mit ihm zu Helden werden.
Die Wunschvorstellung ist eine ganze andere: In unserem Leben gibt uns niemand ein Ziel von außen vor, und falls doch, gehören wir eigentlich nicht zur glücklichen Sorte unserer Spezies. Es ist das Ziel, das reizt, es ist das Ziel, das lockt: Welches Ziel? Und: Wie? Der Film sagt es uns, gibt die Richtung, die Geschwindigkeit und die Mittel vor, zu denen wir doch so gerne selbst zur Wahl gezwungen würden. Wir lauern auf unseren Barrikaden, dem Hader der eigenen Existenz, die ohne ein solch großes Ziel leben muss: Gepresst auf Zelluloid taxiert der Film die Fallhöhe zwischen dem Ordinary Man und der anstehenden Aufgabe wenigstens für die Dauer eines Augenblicks mit dem Wert des eigenen Lebens über die Realität in der spätkapitalistischen Trostlosigkeit. Was für eine Geschichte die Filme erzählen, wird zweitrangig und wichtig wird nur, ob die Wahl der Mittel uns in unserem Innern eine Bestätigung für etwas verleiht, für das wir nicht verantwortlich sind, es aber gerne wären, und noch lieber vergessen würden, dass wir es nicht sind. So schwimmt bei diesen Filmen auch immer ein Wermutstropfen mit, wir wachsen gerne an Aufgaben, die nicht unsere sind, und so irreal der Film ist, so irreal wird die Karthasis nach dem Abspann. Aber so war es immer schon. Die größte Prüfung unserer Frontier sind nicht Aufgaben, die die Story uns vorgibt, sondern es sind die Zweifel und die Ängste in uns selbst, es lauert hinter den Barrikaden, hinter denen wir uns eingerichtet haben und mit denen wir uns gegen alles schützen, was unsere kleine Welt zum Einsturz bringen könnte. Das ist das Gefühl, das uns beschleicht, wenn die Lichter wieder angehen, und wir uns sehnsüchtig wünschen, sie blieben für immer aus. Diese Zweifel räumte der Film aus, als der Hauptdarsteller seine Barrikaden zum Einsturz brachte, er ist geläutert und mit ihm die Menschheit gerettet. Der Film wird zu einer Parabel auf uns selbst. Die ewig gleiche Kartharsis ist das Mauereinreißen, der Sturz der Vielen, das Überwinden des Zweifelns. Die Geschichte ist beliebig, die Lehre bleibt die selbe.
Was früher die Lasershow war, ist heute das dreidimensionale Kino. Die Leinwand soll der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich werden: Sprang man vorher mit Freude in die Fiktion, weil es Fiktion war, so soll heute die Fiktion so realistisch wie möglich werden, eben weil es nur Fiktion ist. Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus, schrieben Adorno und Horkheimer. Und:
Die alte Erfahrung des Kinobesuchers, der die Straße draußen als Fortsetzung des gerade verlassenen Lichtspiels wahrnimmt, weil dieses selber streng die alltägliche Wahrnehmungswelt wiedergeben will, ist zur Richtschnur der Produktion geworden. Je dichter und lückenloser ihre Techniken die empirischen Gegenstände verdoppeln, um so leichter gelingt heute die Täuschung, daß die Welt draußen die bruchlose Verlängerung derer sei, die man im Lichtspiel kennenlernt.(DA S. 134)
Die Bestätigung, die man im Film bekommt, aber nicht mitnehmen kann, wird unter den Vorzeichen des was wäre wenn zu einer Bestätigung des eigenen tristen Daseins im Spätkapitalismus. Im Film antizipiert man die Überwindung der eigenen Frontier an Problemen, die nicht die eigenen sind und in einem Leben, das nicht das eigene ist. Das reale Leben bekommt seine Bestätigung im Film, die Barrieren, die nicht genommen werden können, wurden dort eingerissen. Der Hollywood-Blockbuster wird zur Affirmation des eigenen Lebens. Er lässt uns nachfühlen, was uns im Leben versagt bleibt. Er nimmt in der Fiktion etwas vorweg, was im realen Leben ausbleibt, er liefert eine Antwort auf eine Frage, die an ihn nicht gestellt wurde und die außerhalb der Leinwand gefährlich sein kann.
fällt dir selbst nicht auf, dass das bei einem film über 3m große blaue katzenwesen auf einem fremden dschungelplaneten offenkundiger blödsinn ist?
Sehr schöne Analyse. Gefällt mir.
@Bigmouth: Avatar ist doch bloß der Aufhänger.
die blauen Katzenwesen sind für Wow-Spieler, überhaupt für den pc-rollenspielende Fraktion fast schon Teil der Realität. Sie gehen ja nach Kinoende nicht auf die Straße (nach Adornos Bild), sondern zurück in die Wow-Welt.
Grundsätzlich würde ich solchen Megafilmen keine große manipulative oder sonstige Wirkung zusprechen. Die sollen nur das Gefühl geben, daß man nicht blind konsumiert, sondern auch a biserl kriddisch is. Hinterfotziger sind Serien und ist Werbung. Die greifen mit ihrem Pseudorealismus und ihrer Häufigkeit viel tiefer in die Birnen der Zuschauer ein. Ich verlange ehrlich gesagt vom Kino keine Belehrung, sondern bestenfalls zeitlose und naive Märchen.