Der erste Teil von Drakensang wurde zum besten deutschen Computerspiel des Jahres 2008 gekürt. Ob dies gerechtfertigt gewesen ist oder nicht, bleibt – zumindest für mich – fraglich, da es mitten in der Hochphase der Killerspieldiskussion geehrt wurde und auch zur politischen Instrumentalisierung als Abgrenzung für die Kassenschlager aus der Frankfurter Spieleschmiede Crytek (Far Cry, Crysis) mißbraucht wurde. Man mag diesem Umstand ja zustimmen wollen oder ihn ablehnen, das Spiel an sich wertet es damit nicht auf, sondern sagt vielmehr etwas über den deutschen Computerspielpreis an sich aus. So oder so schrie der kommerzielle Erfolg von der DSA-Adaption nach einem Nachfolger. Ich persönlich habe ein Faible für Rollenspiele, vor allem für DSA, als auch für digitale Interpretationen dieses Genres.
Nun habe ich mich dabei erwischt, wie ich mir doch den Nachfolger “Am Fluss der Zeit” besorgt habe, obwohl meine Erfahrungen mit dem ersten Teil als auch mit Dragon Age: Origins nicht wirklich dazu geeignet sind, positiv überrascht zu werden.
Wieso eigentlich, frage ich mich, komme ich darauf, aktuelle PC-Rollenspiele immer wieder mit einem Spiel aus dem Jahr 1997 zu vergleichen? Wieso taucht nicht einmal eines auf, das es mit Final Fantasy VII aufnehmen kann?
Menschen, die Final Fantasy VII nicht kennen, aber heute gerne RPGs am PC spielen, muss dieser Vergleich irgendwie wie im luftleeren Raum hängend vorkommen. FFVII ist ein episches, wenn nicht sogar das epische Rollenspiel im digitalen Rahmen. Allein die Fülle der Schauplätze lässt heutige RPGs wie Drakensang: Am Fluss der Zeit vor Neid erblassen. Um das einmal klar zu machen, hier einmal die verschiedenen Schauplätze in FFVII (Midgar wird als ein Schauplatz gezählt, obwohl die ca. 10 Spielstunden als Turtorial in sehr verschiedenen Bereichen und Schauplätze sich aufteilt): Midgar, Kalm, Chocobo-Farm, Mythril-Minen, Fort Condor, Junon, Schiff zum nächsten Kontinent, Gold Saucer,Gongaga, Cosmo Canyon, Nibelheim, Rockettown, Wutai, Tempel des alten Volkes, Bone Village, Der große Gletscher, Nordkrater, Mideel, Die Vergessene Stadt, Corel, Corel-Gebirge, Costa del Sol, Alter Wald, Schlafender Wald, Unterwasser-Reaktor, Berg Nibel, Lucrecias Höhle, die Runde Insel, die Kaktus Insel und die Kobold Inseln. Das macht 30 aufgezählte Schauplätze, zu denen man immer wieder im Laufe der Hauptquest oder in Sidequests zurückkommt. Der Planet ist zu Fuß, mit einem Landfahrzeug, mit einem Flugzeug, mit einem U-Boot und mit Hilfe von Reittieren vollends offen. Eine sehr dichte Story packt einen von Anfang an, Charaktere werden entwickelt, neue im gesamten Spiel sehr gut eingeführt und vorgestellt. Und, ach, was weiß ich alles noch.
So. Eigentlich wollte ich etwas über Drakensang: Am Fluß der Zeit schreiben. Da sieht man einmal, an was sich heutige Spiele messen müssen. FFVII läuft übrigens immernoch unter Windows 7 wie am Schnürchen. Nur die Grafik ist nun wirklich von Gestern.
Nun, was ist aber mit Drakensang? Nungut. Wer bis hier hin gelesen hat, wird vielleicht wirklich daran interessiert sein, was ich von diesem Spiel halte. Meine Meinung ist noch ambivalent und nicht so eindeutig wie bei Dragon Age. Ich schwanke noch. Auf der einen Seite ist es erbärmlich: Viel zu kurz, als dass es ein eigenständiges Spiel darstellen würde, und im Vergleich zum Vorgänger faktisch ohne Weiterentwicklung oder Neuerungen. DSA-Fans werden sich vermutlich fragen, was eigentlich mitten im Schneegebirge Marus unter der Fuchtel einer Thorwalerin sollen. Nicht nur, dass die Echsen in ewiger Kältestarre verfallen müssten, nein, ausgerechnet eine Thorwalerin soll ihr Chef sein. Na dann. Mit DSA hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Auch richtig zu kurz kommen die Begleiter: Gerade einmal vier Stück stehen einem hier zur Verfügung, nachdem sich recht weit am Anfang schon von zwei Kandidaten einer für dieses Quartett qualifizieren musste. Das schränkt die sinnvolle Wahl des eigenen Hauptcharakters sehr ein, möchte man die einzelnen Fähigkeiten, die benötigt werden, optimal zur Geltung bringen. Bei den Items und Zauber hat sich nicht viel geändert, es gibt immer noch die Spezialausrüstung für Amazonen, da man dieses Mal jedoch keine als Begleiterin zur Auswahl bekommt, muss man sie schon selbst spielen, damit das überhaupt einen Sinn ergibt. Ansonsten gibt es nicht viele besondere Gegenstände oder welche, die für einzelne Heldentypen gedacht wären.
Somit fehlt Drankensang: Am Fluss der Zeit eigentlich alles, was man von einem guten Rollenspiel erwarten würde: Charaktervielfalt und -entwicklung, epische Story mit Wendungen und Haken, viele besondere Gegenstände und die Möglichkeit, diese sinnvoll einzusetzen sowie unterschiedliche und abwechslungsreiche Handlungsschauplätze. Nun, wenigstens im letzten Punkt muss man hier doch Zugeständnisse machen. Die wenigen Schauplätze sind stimmungsvoll und detailreich ausgestattet. Sie sind wirklich sehenswert und werden fast nie langweilig.
Noch ein Wort zum Aufbau von RPGs am Computer. Ich glaube, so ziemlich alle RPGs der letzten Jahre sind WoW-geschädigt. Welchen Sinn hat die krasse Aufteilung zwischen Haupt- und Nebenquests, weshalb brauche ich Questgeber und in sich abgeschlossene Klein- und Kleinstgeschichten? So etwas macht nur Sinn in einer Spielewelt, die nie wirklich abgeschlossen ist und immer weiter geht. Das sind die ganzen Online-RPGs, von denen World of Warcraft wohl das bekannteste ist. Sollte das hier durch Zufall irgendein Spieleentwickler lesen: Schau dir mal den Plotaufbau bei FFVII noch einmal genau an. Es gibt eine große, große Rahmenhandlung, unter die alles untergeordnet ist: Die Charakterentwicklung, die Sidequests, das Kampfsystem und die Gegner, die Schauplätze. Hier ist überhaupt kein Platz für sinnfreie Nebenquests wie “Besorge dreißigmal folgenden Gegenstand” – wobei man in Drakensang glücklicherweise von solch hirnlosen Aufträgen abgesehen hat.
Ich gewöhne mich nicht an diesen Fastfoodkram, der heute Höchstnoten in Spielezeitschriften absahnt. Ich möchte ein episches Spiel, bei dem 80 und mehr Spielstunden keine Schande sind. Ich möchte eine komplett begehbare Welt mit vielen, vielen Schauplätzen. Ich möchte viele unterschiedliche Charaktere, die ich in meine Party nehmen kann. Ich möchte ein ausgeklügeltes Kampfsystem, bei dem man richtig Spaß bei der Jagd nach Items bekommt. So etwas gibt es. Ist nur schon ein wenig alt. Es würde mal wieder Zeit, oder?




Ich möchte eine Welt, in der ich aus einer Toilette trinken kann, ohne Ausschlag zu bekommen.
2011+ vielleicht wird es ja allmählich mal was … vielleicht müsste eine gute Softwareschmiede in Rollenspielkreisen eine repräsentative Umfrage starten, was den Leuten wirklich wichtig ist, aber ich glaube die meisten Zocker wollen tatsächlich nur looten, farmen und geben sich MMORPG´s hin statt nach Atmosphäre und instanzierten Parties zu gieren, wie ich es tue.
Ich denke, es gibt da eine Schieflage zwischen immer größerer Grafikpower und -ansprüchen einerseits und ausgeklügelter Story und Spielwelt andererseits. Der Fehlschluss ist, dass versucht wird, über hochgezüchtete Grafik Atmosphäre zu vermitteln. Das funktioniert jedoch nur kurzfristig. Spätestens wenn nach einem tieferen Eintauchen in das Spiel die sonstigen Mängel zu Tage treten, verpufft dieser Bonus gänzlich, siehe Dragon Age. Zeitgemäße Grafik ist nur eine Sache; um ein Spiel unsterblich zu machen, braucht es andere Dinge.
Fraglich aber, ob “unsterblich” unbedingt ein ökonomisch erstrebenswertes Ziel ist, und dann, welcher Art unsterblich. Ist es nicht so, dass gerade “Veteranen”, wenn nach ihren liebsten Titeln befragt, gerne auch mal die “perlen” Abseits des Mainstreams in den Mittelpunkt rücken, vielleicht nach einem ähnlichen Reaktionsmuster verfahrend, wie jene “Cineasten”, denen ein Film der auf Arte im Original mit Untertiteln läuft per se schonmal künstlerisch anspruchsvoller erscheint als ein Hollywood-Blockbuster auf Sat1?
Planscape Tornment ist etwa so ein Spiel, dichte Atmosphäre, große Spielwelt, komplexe Story, kommerziel war es halbwegs erfolgreich. “Unsterblich” ist es durch eine kleine, interessiere Fanbasis, als Longseller taugt es nicht. WOW auf der andren Seite, aber auch die neuen Elder Scrolls Titel, brachten wenig neues, verpackten es gut, es gibt ordendlichen Support, neue Mods etc… und die Spiele werden immernoch gespielt.
Wenn Grafik allein das Produkt nicht verkauft (und das sehe ich ähnlich), muss eben doch davon ausgegangen werden dass der Teil der neuen RPG´s eben das bringt, was die Masse von nem guten RPG erwartet. Das ist im Games Sektor für Fans des klassischen RPG´s sicher problematischer als etwa bei … Büchern oder so, aufgrund der Entwicklungskosten ein Nischentitel nicht lohnt, aber es ist nachvollziehbar.
Dem/Der NostalgikerInn bleibt immerhin, Massenweise altes Material nochmal zu zocken, oder auf ähnlich gute indipendent Titel zu warten wie sie zur Zeit im Point&Click-Advanture Genre entwickelt werden, und zu guter Letzt natürlich die Hoffnung auf den Kommunismus. Obwohl dann erstmal die Dogmatiker davon überzeugt werden müssten, dass die Klassenlose Gesellschaft noch elektronische Unterhaltungsmedien braucht
Auf den Kommunismus warte ich nicht mehr, jedenfalls nicht, wenn es darum geht, mir ein Computerspiel zuzulegen.
Es ist ein immanenter Bestandteil der Popkultur, dass sie sich selbst auffrisst. Sie lebt gerade davon, dass sie nur für den Augenblick lebt, sie hetzt von einem Hit zum nächsten und kann überhaupt nicht verweilen. Daher muss in der Ankündigung der nächste Hit immer besser, weiter, größer sein als der vorherige. Langes Überleben ist der Tod der Popkultur – und um so faszinierender ist es dann, wenn sie eben solche unsterblichen Titel wie eben FinalFantasy VII heraus bringt. Und es ist ja nicht so, dass diese Reihe beerdigt wäre, Final Fantasy XIII ist nun für die Spielekonsole erst frisch herausgekommen. Ich kann zu den anderen Teilen allerdings nichts sagen, wie sie konzipiert und aufgebaut sind, ob sie ähnliches Potential und ähnliches Lob verdienten.
Ein nicht zu unterschätzender Punkt bleibt natürlich auch, dass solche Spiele einprägsam sind, weil sie in einer bestimmten Lebensphase gespielt wurden, und sich dadurch ins persönliche Gedächtnis eingebrannt haben, was unvermeidlich so etwas wie Nostalgie mitflimmern lässt. Dieses Moment ist auch aufs Engste mit der Popkultur verwoben, die in sich auf Jugendlichkeit fixiert ist wie sonst keine kulturelle Richtung.
Die persönliche Codierung einerseits, die die Unsterblichkeit gebiert, und dem Zwang, sich selbst im Zeitgeist zu verbrennen andererseits, sind die eigentlichen Triebfedern der Popkultur. Und deshalb ist sie so erfolgreich.
Eigentlich werden daher unentwegt unsterbliche Titel produziert. Die Frage ist, wo beides koinzidiert.
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Du gehst gar nicht auf Fallout ein. Warum?
Als ich den Artikel geschrieben habe, hatte ich mich sehr über diesen Witz namens DSA-Computerspiel geärgert. Ich wollte deutlich machen, welche Unterschiede es zwischen heute und damals (offensichtlich) so gibt.
Fallout, besonders Fallout 3, hätte man vielleicht erwähnen können – aber es ist mehr ein Egoshooter als ein Rollenspiel. In der Grundkonfiguration (Gruppe leveln, 3D-View von außen) kann man Drakensang und Final Fantasy eher miteinander vergleichen.