Musik, bitte (XV)
18 Sonntag Jul 2010
Veröffentlicht in Bolles Welt, Musik, Pop & Ästhetik
18 Sonntag Jul 2010
Veröffentlicht in Bolles Welt, Musik, Pop & Ästhetik
10 Samstag Jul 2010
Veröffentlicht in Bolles Welt, Konsumterror, Musik, Pop & Ästhetik, Rezensiert & Besprochen
Schlagwörter
Axel Kurth, Ästhetik, Life, music, Musik, Punk, Rock am Bach, Wizo
Es ist nun 3.35 Uhr und ich komme gerade zurück von einem WIZO-Konzert. Eigentlich war es ein kurzer Gig auf einem Festival. Daher waren die 32 Euro schon ein stolzer Preis, um in diesem Festivalsommer WIZO das erste Mal nach ihrer Auflösung zu sehen. Aber, egal, das war es mir wert. Groß geworden in den 80er und 90er, das Punkermilieu mit “Links” verwechselt, bin ich heute noch bei dieser Musik hängengeblieben. Mit Selbstkritik haben WIZO nie gespart, meinten auf ihrer Abschiedstournee (irgendwie muss man das ja begründen, abseits von einem “Wir sind eigentlich zu alt für diesen Scheiß”), dass Punk reationär geworden sei und dass sie damit nichts mehr zu tun haben wollten. Und daher eben aufhören.
Zwischenzeitlich hat Frontsau Axel Kurth für Jamba Klingeltöne komponiert und war an einem Verbrechen namens Schnuffel beteiligt. Das ganze ist schon ein wenig peinlich: Auf der Jamba Seite wird er in einem Atemzug mit Christina Stürmer, DJ Bobo und Achim Petry genannt. Wenigstens hatte er den Schneid, die Kleidchen, die er als Kommerzschlampe trägt, selbst öffentlich zu machen. Im Januar 2009 schrieb er auf seiner MySpace Seite:
In der letzten Zeit habe ich einige lustige Projekte gemacht, z. B. hab ich angefangen, ein Solo-Album aufzunehmen und das aber wieder verworfen, habe kürzlich vier Songs für das Weihnachtsalbum des nervigen Jamba-Hasen “Schnuffel” geschrieben, habe Studiogitarren für eine deutsche Boyband eingespielt, habe für den Kinofilm “Die Welle” einen Song geschrieben (der leider nur im Making-Of auf der DVD gelandet ist), hab einige Studiojobs als Ghostsänger gemacht, Songs für ein Kinderwebportal geschrieben, einiges für Werbung, Fernsehen und Filme gemacht, bin aus meinem alten Studio geflogen, habe mit einigen coolen Leuten gejammt, hab ein neues Studio ausgebaut, habe kürzlich mein Herz gebrochen bekommen und muss schon wieder aus dem neuen Studio ausziehen.
Und irgendwie können wir froh sein, dass er wieder auf die rechte Bahn zurück gefunden hat. Man kann sich vom Unglaublichen leicht selbst überzeugen, wenn man im ersten Moment denkt, der gute Axel würde scherzen: In der Gema-Datenbank ist für das Schnuffel-Jamba-Album Winterwunderland der selbe Axel Kurth verzeichnet, wie bei den WIZO-Liedern. Da steht einmütig ein Song Namens Mein Hasenfreund neben einem Namens Kein Gerede. Und es ist der selbe Axel Kurth. Seine Gema-Mitgliedsnummer ist identisch. Auf ihrer Abschiedstournee beteuerte er, dass sie nicht wie die vielen anderen Boybands sich auflösen, um sich dann unter großem Trubel wieder zu vereinigen und so die Absätze zu steigern. Das klingt zwar bei einer Punkband etwas absurd, jedoch blieb auf fast allen Konzerten auf der Abschiedstournee der Hinweis darauf: “Wir sind keine Kommerzschlampen!!” Als ich heute aus der ersten Reihe dies bei dem Warmlaufen vor Gute Freunde lauthals anmerkte, als Axel sinngemäß so etwas wie “Liebt ihr WIZO?’” fragte , und ihm Kommerzschlampe entgegenrief, zuckte er nur kurz. Professionell genug ist er ja. Junge, es war ne gute Idee, mit dem Jambakram aufzuhören und endlich wieder richtige Musik zu spielen.
Eines der besten Konzerte von WIZO war 1996 auf dem Bizarre-Festival. Dieses Konzert wurde live vom Fernsehen übertragen. Als WIZO den Kameramännern verbot, den Menschen durch ihr Hin- und Hergewusel vor der Bühne die Sicht zu versperren, wurde das Bild komplett abgeschaltet und nur noch die Musik übertragen (den ganzen Auftritt gibt es auf youtube: Klick, klick, klick und klick). Die Playlist von damals könnte man fast genau so heute wieder spielen. Eigentlich haben sie vorhin auch nur ihre alten Lieder gespielt, eines war neu und kannte ich nicht. Aber Axel muss erst einmal die neuen Jungs einführen und mit den alten Liedern verknüpfen. Die Leute sollen WIZO mit den alten Liedern und den neuen Leuten kennen lernen. Als Kind ist er nicht übermäßig oft auf den Kopf gefallen.
Letztes Jahr schrieb ich zu der Ankündigung ihrer Rückkehr:
Comebacks laufen meistens so ab: Die Koryphäen erklären, dass sie wieder zurück kommen. Die Fans und Groupies sind aus dem Häusschen. Die Erfolge und die Erinnerungen an die Vergangenheit nähren die Erwartungen für die Zukunft, die nicht erfüllt werden können, da die Band wie die Fans älter geworden sind. Die Zeiten haben sich geändert, die Band versucht aber genau dort weiter zu machen, wo sie aufgehört hat. Das ganze floppt und das Comeback hat die Band erst von dem Thron heruntergeschubst, auf dem sie bisher friedlich residierte.
Heute kann ich sagen: Ich habe mich zum Glück geirrt. Axel hat es verstanden, mit einem strikten Spielplan der alten Lieder (nur ein Lied kam vom neueren Album Anderster, sowie ein weiteres, das vermutlich auf dem neuen Album erscheinen wird) genau dort anzudocken, wo sie aufgehört hatten: Der Sound war der gleiche (unterstützt von ihrem Kumpel Ralf Dietel an der Gitarre, der allerdings nur für diesen Festivalsommer angeheuert hat), die Songs die bekannten und die Stimme hatte sich nicht geändert. WIZO ist es gelungen, nach der Hochphase des Punk in den 80er und 90er über zwanzig Jahre danach genau dort wieder anzudocken. Selbstironische Kommentare zu ihrem eigenen Alter passten dazu genau so wie die Miteinbeziehung der Leute vor der Bühne. Es hat wirklich alles gepasst. Ich hätte allerdings ein paar Änderungen bei dem Repertoire vorzuschlagen: Das France Gall Cover Poupée de Cire hat ebenso gefehlt wie das oft vergessene Brief, Telefon, Tür – hat doch ausgerechnet das letzte das Potential, aus dem Klischee des flachen und stupiden Gröhlpunk hinaus zu weisen. Auch Hey Thomas hätte ich sehr viel später erwartet, vielleicht sogar als letztes Lied. Gefehlt hat auch Das Leben ist ein Hund. Dafür hätte man Alte Frau und Gute Freunde weglassen können. Zwei Kracher waren allerdings Der Käfer und Kadett B. Diese uralten Lieder (beide waren bereits auf dem zweiten Demotape von 1990 vorhanden) hörte ich das erste Mal live (oder ich hab’s nicht mehr in Erinnerung).
Geblieben sind ein abgebrochener Zehennagel, zwei Blutergüsse unter den beiden großen Zehen, eine kleine Zerrung in der rechten Wade, total verdreckte Tennissocken und ein absolut spitzenmäßiges Konzert.Es fällt vielleicht schwer, meine momentane Begeisterung nachzuvollziehen, ebensowenig erscheint es plausibel, ein paar hundert Kilometer durch die Republik zu fahren, insgesamt über 50 Euros dort zu lassen (Eintritt + die nötigen Getränke nach dem Auftritt), und wieder zurück zu fahren, nur um eine einzige Band zu sehen, welche dazu noch eine alte Punkband aus den 90er Jahren ist. Es hat etwas zu tun mit dem Zauber des Erwachsenwerdens, es hat zu tun mit so etwas ähnlichem wie Prägung (ich denke nicht an Lorenz, nein), es hat zu tun mit Idealen, von denen man früher dachte, man würde sie nie in seinem Leben verraten, sondern eher sterben wollen. Diesen Punkt zu überwinden, zurückzukehren ins Leben, und trotzdem noch diese Musik zu hören – das ist einer der vielen Kompromisse, mit denen ich gelernt habe zu leben. Axel musste auch seinen Jambakompromiss machen, um zu verstehen, dass manch ein Kompromiss einer zu viel sein kann. Erinnerungen sind eine mächtige Kraft. Über die Codierung bei Liedern habe ich ja bereits gesprochen. Und exakt an diesem Punkt dockten WIZO mit ihrer Liedauswahl an. Es war einer dieser Augenblicke, wo alles zusammen in einem einzigen Punkt sich konzentriert: Die Erinnerung an ein früheres Leben, der Anspruch des Augenblicks,sich auf diese mächtige Erinnerung in der Gegenwart einzulassen, das Hier und Jetzt des hedonistischen Genusses mit seiner Zuwendung zur lebensbejahenden Freude – und natürlich die Aussicht, ein paar Freunde zu treffen. Dies alles konzentrierte sich für mich in einem einzigen Punkt und hatte zumindest heute abend den Namen WIZO.
In diesem Sinne, Jungs, schön, dass ihr wieder da seid.
07 Mittwoch Jul 2010
Veröffentlicht in Gesellschaft et cetera, Internet, Klamauk
Schlagwörter
Deutschland, Klamauk, Linke, Politics, Politik, Satire, Schwarz-Weiß-Denken
Bei dem ganzen Rummel um das Abstimmungsverhalten der Bayern über das Rauchverbot dieser Tage hatte ich mich daran erinnert, dass telepolis einmal einen lustigen Artikel über einen in der Roten Fahne zur “Nichraucherindustrie” hatte. Den Artikel auf tp gibt es immer noch.
Jetzt stellte ich allerdings fest, dass die Vollpfosten von der Roten Fahne das nicht nur tatsächlich ernst meinten (der Artikel auf tp erschien am 1.4.2007), sondern auch nach wie vor darüber fabulieren:
Da diese Menschen sonst auch ziemlich schmerzfrei sind, lasse ich das mit der Verlinkung einmal. Falls es jemanden interessiert, kann er ja dort selbst nachschlagen und sich ausführlich über die Machenschaften dieses Bereichs der herstellenden Industrie, die den armen Nichtraucher ausbeutet, informieren.