Anmerkungen zu dem Dokumentarfilm Noise and Resistance.

Der Film läuft schon seit geraumer Zeit in den Szenekinos der Republik, ich bin jedoch erst jetzt dazu gekommen, ihn mir anzusehen. Er wurde schon ausführlich besprochen, könnte man meinen. (1) Doch fehlen mir bei all den Besprechungen einige Aspekte, die auch in der kritischen Rezension von Andreas Hartmann in der Jungle World nicht anklingen.
Die Dokumentation greift exemplarisch verschiedene Akteure der DIY-Punk Szene aus verschiedenen europäischen Ländern heraus, stellt deren Projekte, Sorgen und Nöte vor und lässt so eine Bewegung zu Wort kommen, die sonst bestenfalls als Randnotiz in den Medien auftauchen – meistens immer dann, wenn alternative Wohnprojekte geräumt oder Besetzungen aufgelöst werden. Zu den Hintergründen erfährt meist nur der etwas, der sich von selbst damit näher beschäftigt. So ist es den beiden Regisseurinnen ein Anliegen, die verschiedenen Formen und Ausprägungen der DIY Bewegung zu Wort kommen zu lassen. Dies ist der Rahmen, den der Film ausfüllt. Entgegen der Tendenz anderer Filme über Punk oder aus der Punkszene heraus, betont unpolitisch aufzutreten, wie zum Beispiel der Szenefilm Krieg der Welten oder Chaostage. We are punks (Quintessenz des Prollfilms: „Gähnende Langeweile: Das ist die Hölle, in der Punkrock geschmiedet wurde.“). Jericho’s Echo, der die Punkszene in Israel beleuchtet, ist mit Abstand der Film, der am meisten politische Brisanz bearbeitet; ja, in gewisser Hinsicht ist der Streifen über Punkrock im Heiligen Land politischer als Noise & Resistance.
Ich ging mit der Erwartung in den Film, dass ich vielleicht mein Rüstzeug für eine Besprechung in Günther Jacobs vorzüglicher Artikelserie Was ist ein Protestsong? nachschlagen müsste. Soweit kommt es allerdings nicht. Musik wird nicht als l’Art pour l’Art mißverstanden, die man wie einen Container mit Inhalten füllen müsse. Nicht zu Unrecht trägt das Musikalische im Titel den Namen „Noise“: Lärm ist es, den die Aktivisten versuchen zu veranstalten, damit man ihrem Anliegen Gehör schenkt. Die entpolitisierte Proll-Punk Mentalität „drei Akkorde zum Berauschen / bitterbösen Texten lauschen“ schwingt da nur noch peripher mit, wenn auch beides mit guter Musik nur noch sekundär etwas zu tun hat. Nein, diese Diskussion trifft es nicht zur Gänze, nicht zuletzt, weil Musikmachen selbst zum politischen Mittel wird, wenn es um illegale Konzerte auf den Straßen Moskaus geht, um gegen Rassismus und Staatswillkür zu protestieren, oder zuerst ein Häuserkomplex besetzt werden muss, um ein Festival veranstalten zu können. Die Frage nach Protestsongs stellt sich hier nicht.
Auch die alte Frage, die mir zuerst durch den Kopf ging in den ersten 15 Minuten des Films, ob nämlich politische Musik mit den entsprechenden Texten dazu führt, dass Menschen sich überhaupt erst politisieren, oder ob, so das Gegenargument, durch das Abschöpfen von Protestpotential im vorpolitischen Raum das eigentlich Politische verhindert wird, ist aus verschiedenen Gründen nicht zutreffend. Dazu komme ich gleich.
Um Musik an sich geht es in der gesamten Dokumentation nur in der Nebensache. Sehr deutlich tritt die persönliche Einstellung und Haltung der Menschen hervor, die Musik in erster Linie dazu nutzen, ihre Emotionen zu artikulieren (so die Punkerin aus Schweden), auf ihre prekäre Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft aufmerksam zu machen (so die spanischen Anarchisten) oder um nicht weniger als eine alternative Jugendsubkultur vom Zaun zu brechen, die gegen einen rechtsextremen Mainstream angröhlt (so die Situation in Russland).
Als unbedarfter Zuschauer dürfte man ein wenig irritiert sein, dass die Ursprünge des Punk auf eine Gruppe namens Crass zurückgeführt werden. Das stimmt in der Form natürlich nicht; diese Irritation lässt sich schon mit einem Blick auf den Untertitel ausräumen, da es hier um die Do it yourself – Bewegung geht. Somit sind auch alle anderen Formen von Punk außen vor und es geht nur um die politischste Form dieser Subkultur. Die Frage, ob sie auch die radikalste ist, muss man bejahen: Es ist die radikal Individualistischste Form des Punk. Disqualifizieren sich Troubadoure wie Campino durch die Kommerzialisierung und mit ihrer Tätigkeit als Botschafter der Kulturindustrie von selbst, so stößt man hier auf die konsequenteste Art der politischen Aktion: Derjenigen, die persönliche Konsequenzen für das eigene Leben zieht. Und das steht sehr wohl quer und radikal gegen jegliche gesellschaftliche Konvention: Sei es das Ökodorf in der norwegischen Pampa, sei es die Hausbesetzerszene in Spanien, die das nicht als Freizeitbeschäftigung betreiben, sondern sommers wie winters so leben, oder die russischen Antifaschisten, die sich mit Messern bewaffnen, seit ein Genosse von Rechtsextremisten nieder gestochen wurde. Diese DIY-Bewegung hat daher wenig mit den Sex Pistols oder Ramones zu tun, die eine ganz andere Stoßrichtung hatten und eine gänzlich andere Tradition begründeten. Für letztere ist Musik eine Art Ventil, um Emotionen zu artikulieren und um mit der Musik auf gesellschaftliche Entwicklungen und gesellschaftliche Zustände zu reagieren und Stellung zu beziehen. Für die DIY-Bewegung wird das Musikmachen, wie schon gesehen, zu einer politischen Aktion selbst. Das ist eine andere Qualität.
Kritik an dem Film weist auch gleichzeitig auf die Bewegung selbst, da beides miteinander eng verwoben ist. Es gibt keinerlei direkte Nachfragen, keine kritischen Bemerkungen, keine journalistische Distanz. Es ist der Versuch einer künstlerischen Verarbeitung des Stoffs; der Film zieht konzentrische Kreise um die Themen, lässt die Protagonisten in einer beeindruckenden Symmetrie zu Wort kommen, in deren Mitte die Situation der Antifaschisten in Moskau steht. Nein, der Film ist kein Blick von außen, was Julia Ostertag in dem d-radio Interview auch nicht abstreitet, sondern eine Innendarstellung aus der Szene selbst heraus.
Was mich bereits während des Zuschauens irritierte war der Umstand, dass der Film unbehaglich inaktuell ist. Die letzten Interviews wurden vermutlich 2009 gedreht, beim Schwarzen Kanal, der selbstverwalteten Wagenplatz-Wohngemeinschaft, drehte man vor deren Umzug nach Treptow im März 2010. Auffällig ist dies, da keinerlei Bezug auf aktuelle Entwicklungen genommen wird. Den Umsturz in Ägypten kennt der Film nicht, ebenso wenig die Aufstände in Syrien oder Libyen. Sicherlich, es ist eine andere Taktart, die dort läuft, nicht gerade das, was die basisdemokratischen Vollzeitaktivisten für sich entschieden haben. Aber bei dem Gedanken fällt auf, dass eben keinerlei Bezug auf aktuelle oder gesellschaftliche Themen genommen wird, die im indirekten Wahrnehmungsfeld der Protagonisten liegt. Ein Bezug zu politischen Themen, wie es etwa Ignite in Brüssel 2003 getan haben, ist in dem ganzen Film nicht zu finden. Damit fällt auf, dass die Szene auf sich selbst fokussiert ist, und anscheinend weder Impulse noch Reaktionen von außen zulässt oder nach außen weitergeben möchte. Es entsteht der Eindruck, dass der DIY-Underground abgekoppelt von gesellschaftlichen Diskussionen kein Interesse daran hat, auf eben jene Einfluss zu nehmen. In dem ganzen Film wird „die Gesellschaft“ zu einer indifferenten Größe, die statisch gesehen und lediglich als negativer Referenzpunkt genannt wird. Eine konkrete politische Auseinandersetzung bleibt aus. Damit verrückt man das gesellschaftliche System in eine Sphäre der Unantastbarkeit, als wäre der Kapitalismus naturgegeben. Die neoliberale Ideologie wird mit umgekehrten Vorzeichen heruntergebetet, die Bewegung wird zur Bestätigung dessen, gegen was sie sich auflehnt. Die Konsequenz der Weigerung einer politischen Vermittlung oder gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist letzten Endes die Akzeptanz gesellschaftlicher Realitäten. Das Konstrukt einer statischen Gesellschaft und die ostentative Ablehnung kleinbürgerlicher Lebenswege helfen letztlich das zu stabilisieren, was man kritisiert. Das vermeintlich Politische schlägt um ins Unpolitische, die Verweigerung gesellschaftlicher Normen führt zur Bestätigung eben jener. Es wird klar: Es gibt kein so deutliches „außen“ wie suggeriert. Noise and Resistance zeigt nicht, wie es in der Ankündigung der Berliner Antifa heißt, eine „inspirierende Reise durch Europas Utopia der Gegenwart, an subkulturelle Sehnsuchtsorte, wo aus Unabhängigkeit Gemeinschaft entsteht“, sondern lediglich die andere Seite der Medaille. Man fällt hinter Diskussionen der 90er Jahre zurück, als die Göttinger Autonome Antifa (M) 1995 feststellte: „Der radikale Standpunkt will zwar systemüberwindend sein, bleibt jedoch dann folgenlos, wenn ihm die Vermittlung nicht gelingt.“
Es ist dennoch ein interessanter Film. Er weist allerdings nicht über gesellschaftliche Zustände hinaus, es ist kein Film über „Europas Utopia“ und transzendiert keine gesellschaftliche Alternative gegenüber der verwalteten Welt von heute. Es ist ein Film über den radikalen Individualismus, der letzten Endes droht unpolitisch zu werden. Die Entscheidungen und die daraus folgenden Konsequenzen für das Leben der Protagonisten sind anregend, sympathisch und verdienen Anerkennung und Respekt. Ein Freund merkte nach dem Film spontan an, dass man in Russland oder in Spanien viel mehr Grund hätte, Punk zu sein als in Deutschland. Die verwaltete Welt hierzulande ist eben subtiler, feinfühliger und perfekter. Davon erzählt der Film allerdings nichts.
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(1) Es gibt diverse Besprechungen:




