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Kategorien-Archiv: Antisemitismus Antijudaismus

Zum Tode von Arno Lustiger

16 Mittwoch Mai 2012

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Gesellschaft et cetera

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Arno Lustiger, Geschichte, Holocaust, jüdische Geschichte, Juden, Nachruf, Rettungswiderstand, Shoa

“Mein Vater las, wo immer er sich auch befinden mochte, Zeitung. Zu jeder Tags- und Nachtzeit vertiefte er sich mit ernstem Gesicht in Mitteilungen, Darstellungen und Nachrichten, riss Artikel, die ihn interessierten, heraus, faltete sie zusammen, legte sie auf einen Tisch, auf den Boden, auf einen Stuhl, in eine Jackentasche, um sie sogleich zu verlieren.”

So beginnt Gila Lustigers Beschreibungen ihres Vaters Arno Lustiger in ihrem Familienroman So sind wir. Sie, die Tochter eines Auschwitz-Überlebenden, berichtet davon, wie sich das Trauma der Opfer auf ihre Kinder übertragen hat. Arno Lustiger überlebte die Shoa: Er überlebte das Zwangsarbeiterlager in Annaberg/Schlesien, kam von dort über das KZ Ottmuth nach Blechhammer, ein Außenlager von Auschwitz und bekam dort die Nummer A5592 eintätowiert. Im Januar 1945, bei über Minus 20 Grad und sehr viel Schnee, marschierte er auf dem ersten Todesmarsch in Richtung KZ Groß-Rosen, dann über das KZ Buchenwald in das KZ Langenstein bei Halberstadt. Heute ist das eine Entfernung von über 600 Kilometer – über ausgebaute Strassen. Im April 1945, als die amerikanischen Truppen weiter vorrückten, ging es auf den zweiten Todesmarsch, von dem Arno Lustiger schließlich fliehen konnte. Ihm gelang halsbrecherisch die Flucht, kurz bevor er die rettenden GIs erreichte, brach er ohnmächtig zusammen – ohne zu wissen, dass es seine Retter waren, die da vor ihm waren. So erzählte er die Geschichte seiner Flucht.

“Mein Vater sammelte die Meldungen aus einem Grund: Er hatte sich einmal von der Welt überrumpeln lassen, das sollte ihm nie wieder geschehen. 1939 hatte mein fünfzehnjähriger Vater noch keine Zeitung gelesen, sondern sich nach assimilierter, aufgeklärter jüdischer Tradition in irgendeinen Griechen verbissen. Und auch 1940 war der Kindertraum meines sechzehnjährigen Vaters noch nicht ganz verdorrt, wenn er auch schon zu faulen begann. Mein Vater hörte aus großer Nähe ein deutsches Barbarengeschrei, aber eine deutsche Zeitung las er nicht. (…) Mein Vater hatte sich einmal von der Welt überrumpeln lassen, nun hielt er sich, Zeitungen in acht Sprachen lesend, informiert. Er hatte am eigenen Leib erfahren: Kein Jude kann der Welt entfliehen, und wenn er es versucht, dann bezahlt er seine Realitätsflucht mit dem Leben.”

Arno Lustiger war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Erforschung des jüdischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten. Sein Buch “Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden in Europa 1933-1945″ ist ein Standardwerk. Unermüdlich brachte er dieses Wissen nicht nur seinen Studenten nahe, sondern auch auf unzähligen Vorträgen über all in der Republik. Erst letztes Jahr erschien sein letztes Buch über Rettungswiderstand, über Judenretter in ganz Europa.

Arno Lustiger engagierte sich in vielfältiger Weise und auf ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Ein paar wenige Schlaglichter: Er war Mitbegründer der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main nach dem Zweiten Weltkrieg, er war Vorstandsmitglied der Budge-Stiftung. Immer wieder schaltete er sich in gesellschaftliche Debatten ein, zum Beispiel las er Oettinger die Leviten bei dessen Filbinger-Eklat. 2005 hielt er anlässlich der 60-jährigen Befreiung des KZ Auschwitz eine Rede im Bundestag. Vor allem der nach wie vor grassierende Antisemitismus waren ihm eine Herzensangelegenheit. In einem Brief wandte er sich 2007 an die Mitglieder des deutschen Bundestages mit der Bitte, einen jährlichen Bericht zum Thema Antisemitismus vorzulegen.

Zu seinen Studenten pflegte er zu sagen: “Hart in der Sache, aber nachsichtig zu den Menschen”, wenn er wieder einmal gegen braune Auswüchse in Deutschland vorging. Menschen können sich ändern, Menschen können bereuen, sagte er. Ein Menschenleben sei viel zu lang, um ein für alle Mal einen Bannspruch über einen Menschen zu sprechen. Nicht zuletzt dieser grundehrliche und entwaffnende Humanismus hinterließ einen tiefen und bleibenden Eindruck bei seinen Gesprächspartnern.

Gestern ist Arno Lustiger im Alter von 88 Jahren gestorben. Zol er likhtik ruen un lang vartn.

Die Rede von Arno Lustiger vor dem Deutschen Bundestag ist auf den Seiten des Bundestages nicht mehr zu finden. Sie war erreichbar unter der url: http://www.bundestag.de/aktuell/presse/2005/pz_0501271

Nachfolgend dokumentiere ich die Rede Arno Lustigers vor dem Deutschen Bundestag am 27. Januar 2005, wie sie im November 2006 unter der angegebenen Adresse zu lesen war. 

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Die Holocaust FAQs

26 Donnerstag Apr 2012

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Rezensiert & Besprochen

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Antisemitismus, bpb, Geschichte, Holocaust, Holocaust-FAQ, Nationalsozialismus, NS, Rezension, Shoa

Es ist ein wenig Zeit vergangen, seit Hans Rothfels 1953 die “Zeitgeschichte als Aufgabe” ausrief. Geändert hat sich seit dem einiges: In Deutschland beginnt mittlerweile die Zeitgeschichte nicht mehr in dem Epochenjahr 1917, sondern mit dem zweiten bzw. dritten Kreis eher mit 1945 (die Franzosen waren noch nie von ihrem 1789 abzubringen, bei den Briten beginnt die Contemporary History mit dem Jahr 1832 und die USA fangen bei 1776 an).  Versteht man Zeitgeschichte als den Teil der Geschichte, den ein Teil der Bevölkerung bewusst miterlebt hat, kommt man um den Umstand nicht herum, dass der bloße zeitliche Abstand  den Nationalsozialismus und mit ihm die Shoa historisiert – man musste in den 80er Jahren nicht mit Broszat darin übereinstimmen, heute hat sich die Diskussion darüber gleichfalls erledigt.

Es hat sich trotzdem nichts daran geändert: die Zeitgeschichte bleibt als Aufgabe. Darunter fällt auch die adäquate Vermittlung von Wissen über die Shoa an die mittlerweile dritte, vierte und darauf folgenden Nachkriegsgenerationen. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel hat seit Jahren eine FAQ zum Thema Holocaust/Shoa online. 2011 erschien eine deutsche Version und seit drei Wochen ist die Publikation bei der Bundeszentrale für politische Bildung in einer zweisprachigen Ausgabe erhältlich.

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Grasses Gedicht

04 Mittwoch Apr 2012

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Gesellschaft et cetera, Pop & Ästhetik

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Antisemitismus, Ästhetik, Deutschland, Geschichte, Grass

Soviel Unsinn auf einem Haufen: Das Gedicht von Grass wandert heute und die nächsten Tage wohl durch die Feuilletons. Eine lyrische Antwort gibt es von Wolfgang Schnier bereits heute: Klick.

Antisemitismus in der Partei die Linke

01 Freitag Jul 2011

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Gesellschaft et cetera

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Antiimperialismus, Antisemitismus, Deutschland, israel, Linke, Palästina, Peter Ullrich, telepolis, Thomas Haury

Spatzen gröhlen es mittlerweile von den Dächern, es gibt so etwas wie einen Antisemitismus von Links. Dass er eine gewisse Tradition hat, darüber hatte ich bereits geschrieben.

Um was es geht, möchte ich hier garnicht groß ausführen, das kann man in jeder Zeitung nachlesen, zum Beispiel in der Jungle World. Zu dem telepolisinterview von Peter Ullrich, der eine Vergleichsstudie zwischen der britischen und deutschen Linken bezüglich Israel und Palästina geschrieben hat (die sich dadurch auszeichnet, dass sie weder in einem antideutschen Duktus noch mit einem streng antiimperialistischen Motiv geschrieben worden ist, was viele irritieren dürfte und dazu führt, dass sich Antideutsche ebenso wie Antiimps sowohl darauf beziehen können als auch darüber schimpfen. Alleine darum- vielleicht auch nur deshalb – lesenswert) fällt mir noch eine Ergänzung ein. Ullrich im TP-Interview:

Antisemitismus hat in der politischen Linken aber andere Ursachen und Erscheinungsformen und resultiert hauptsächlich aus einer Überidentifikation mit den Palästinensern, die durch eine massive Freund-Feind-Logik gekennzeichnet ist. Diese ist wiederum an bestimmte linke Weltbilder leichter anschlussfähig, beispielsweise an den klassischen linken Anti-Imperialismus.

Er verharmlost damit die antiimperialistische Lebenslüge der Linken. Dieses Weltbild ist nicht fehlerbehaftet, es ist der eigentliche Grund für eine solche Überidentifizierung mit den Palästinensern, die Einteilung der Welt in Gut und Böse und damit die Simplifizierung der Wirklichkeit in einem manichäistischen Weltbild. Thomas Haury formulierte es folgendermaßen:

Das antiimperialistische Weltbild ist nicht nur mit einigen “Fehlern” behaftet, sondern es weist – in seiner vereinfachenden Sicht von Herrschaft als Fremdherrschaft und Ausbeutung als fremde Machenschaft, in seinem binären Denken, das unter Verlust des Realitätsbezuges das Weltgeschehen sauber in Gut und Böse sortiert, in seinem Willen, den Kampf um nationale Unabhängigkeit als Revolution mißzuverstehen und der daraus resultierenden unkritischen Identifizierung mit dem Volk und dessen Gleichschaltung mit dem “guten Volksstaat”, schließlich in seiner Tendenz, Politik und Ökonomie zu personalisieren – zahlreiche strukturelle Affinitäten mit dem antisemitischen Weltbild auf.

Das Problem der Partei die Linke ist also nicht mit Beschlüssen aus der Welt zu schaffen, sondern würde eine grundsätzliche Debatte über die theoretische Konzeption voraussetzen. Die gutgemeinten Tipps von Ullrich, wie man denn Antisemitismus erkennen beziehungsweise vermeiden könne, sind zwar gut gemeint und helfen dabei, antisemitische Stereotype zu erkennen, allerdings gehen sie das Problem nicht ursächlich an. Es ist allenfalls ein erster Schritt.

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Januar, siebenundzwanzigster

27 Mittwoch Jan 2010

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Pop & Ästhetik

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Antisemitismus, Deutschland, Geschichte, Holocaust, Shoa

Der 9.11.1969 und die Linke

09 Montag Nov 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Gesellschaft et cetera

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9.11., Antisemitismus, Deutschland, Geschichte, Linke, Politics, Politik, Tupamaros

Der 9. November ist in der jüngeren deutschen Geschichte omnipräsent. Abseits von Mauerfall und Reichspogromnacht gibt es ein paar Eckpunkte, die leicht vergessen oder übersehen werden. Heute vor 40 Jahren sollte im Jüdischen Gemeindezentrum in Westberlin eine Bombe explodieren. Die Bombenleger: Linksradikale aus dem Umfeld der Haschrebellen. Die Tupamaros/Westberlin war die erste militante Gruppe aus dem Zerfallsmasse der Studentenbewegung. Ihr Bombenanschlag gab auch die Richtung der bekannteren Gruppen, RZ und RAF, vor. Die westdeutsche militante Linke war bereits mit ihrem ersten Attentat antisemitisch aufgestellt.

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Antisemitismus revised

11 Freitag Sep 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Gesellschaft et cetera

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Antisemitismus, Benz, Deutschland, Geschichte, Holocaustleugner, Islamismus, Islamophobie, Politics, Politik

In der letzten konkret gab es einen interessanten Artikel über die neue Ausrichtung des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin. Dazu  hatte sich bereits Matthias Küntzel letztes Jahr geäußert (Klick & Klick). Der konkret-Artikel ist nun in einer erweiterten Fassung auf Lizas Welt erschienen: Klick erster Teil & Klick zweiter Teil.

Piratenrelativierung

06 Montag Jul 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Gesellschaft et cetera, Internet

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Antisemitismus, Deutschland, Holocaust, Holocaustleugner, Internet, Piraten, Piratenpartei, Politics, Politik

Die Piratenpartei sind ja in der letzten Zeit zu so etwas wie die Don Quijotes des Internets avanciert. Es war und ist sehr interessant zuzusehen, wie sie die etablierten Parteien zur Zeit aufmischen und nervös machen – nicht unbedingt die Piraten selbst, sondern eher die internetaffine Generation. Ob die Piraten zu einem Sammelbecken werden, muss sich erst noch zeigen, aber ich fühle mich jetzt schon leicht an die Anfänge der Grünen erinnert. Anders jedoch als damals, aber ähnlich der Etablierung der Linkspartei als fünfte parlamentarische Kraft, gibt es so etwas wie Goldgräberstimmung: Teilweise weiß die Partei gar nicht, wen sie sich da in die Reihen holt, oder vielleicht höflicher, sie ist etwas überfordert. Und so wundert es nicht, dass sich dort auch Leute mit manch einer fragwürdigen Position sammeln.

Die Tage überlegte ich noch, ob dieser monokausale Politikansatz, eine Ein-Thema-Partei, wie es die Piratenpartei (zur Zeit) ist, vielleicht die Zukunft der Parteienpolitik sein könnte. Es hat schon eine gewisse Dreistigkeit in der heutigen Zeit, sich genau für ein Thema als Partei zu konstituieren. Wirklich unklug ist es im Falle der Piratenpartei nicht: Bei dem in der Mediengeschichte jüngsten Massenmedium, dem Internet, lassen sich wunderbar die klassischen Fragen seit dem Anfang des  Liberalismus par excellence durchexerzieren: Meinungsfreiheit und Zensur, Informationsfreiheit und Gewaltenteilung. Im Prinzip überholen die Piraten in der Grundsätzlichkeit dieser wertliberalen Positionen die FDP, welche zu einem Klüngel neoliberaler Marktradikalen degeneriert ist. Insofern relativiert sich diese Monokausalität; es kann eigentlich keine grundsätzlicheren Themen geben in einer pluralistischen Demokratie. Ich befürchte jedoch, dass dies den Piraten nicht bewußt ist.

Zurück zum Thema: Chris arbeitet auf F!XMBR schön heraus, wie die Piraten einen Holocaustleugner in Amt und Würden gewählt haben. Man könnte ja nun mit den Achseln zucken und anmerken, dass sich damit lediglich gesellschaftliche Realitäten auch bei den Piraten widerspiegeln. Aber das lass ich mal; das wird dem Thema nicht gerecht und den Piraten auch nicht. Aber es zeigt, dass eine so grundsätzlich wertliberale Ausrichtung einer Partei nicht unbedingt vor historischer Betriebsblindheit schützt.

Piusbrüder auf Kreuzzug

05 Sonntag Jul 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Gott vs. Die Welt

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Antisemitismus, Christen, Deutschland, Geschichte, Gott, Holocaustleugner, Katholiken, Katholizismus, Piusbrüder, Piusbruderschaft, Politics, Politik

Ich habe das Zeug jetzt einige Tage hier liegen. Irgendwie bekomme ich es nicht ganz zu fassen. Ich versuche es aber jetzt trotzdem einmal. Ich kanns ja immernoch in einem weiteren Beitrag ergänzen und konkretisieren – das Thema ist eh ständig im Fluß.

Die Piusbrüder haben sich wieder einmal in die Schlagzeilen gebracht. Jetzt sitze ich ja nicht erst seit gestern am Internet und ich frage mich ein wenig, wo das interne Strategiepapier für diese erzkonservative Medienoffensive im Schreibtisch liegt. Aber eigentlich hat ja Ratzinger erst damit angefangen. Seit dem gehts rund im katholischen Bienenstock.

Worum geht’s? Die Piusbrüder in Deutschland haben ein “Mitteilungsblatt”. In der Juliausgabe haben sie einen ziemlich seltsamen Artikel drin, der jedoch nicht weiter auffällt in der Masse der seltsamen Artikel. Erst, als ich auf Spiegel-Online darüber gelesen hatte, habe ich mir das Ding einmal genauer angeschaut.

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Defiance – Viel Feind, viel Ehr?

03 Sonntag Mai 2009

Veröffentlicht von UnderTakeThisLaw in Antisemitismus Antijudaismus, Geschichtliches, Gesellschaft et cetera

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Antisemitismus, Defiance, Film, Geschichte, Holocaust, Juden, Kino, Shoa, widerstand

Letzte Woche ist der Film „Defiance – Unbeugsam“ angelaufen. Höchste Zeit für ein paar Anmerkungen.

Defiance erzählt die Geschichte der Bielski-Brüder, die während der Shoa einen Partisanenkampf gegen die Deutschen führten und über 1000 Menschen vor den Mordaktionen der Deutschen retteten.

Wie bei allem, was Hollywood in die Finger bekommt, muss man auch hier mit einer Stilisierung, einem Herausstellen von Klischees und mit einem kräftigen Druck auf die Tränendrüse rechnen.

Ein Film aus Hollywood funktioniert in der Regel folgendermaßen: Der Held und die Problematik werden vorgestellt, je nach Story mal mehr oder weniger ausführlich. Wir lernen etwas über den Hintergrund kennen, wo die Geschichte spielt und durch welche Bedingungen sie eingerahmt ist. Die Hauptfigur bekommt ein Motiv: Das Problem und die Hintergrundstory werden vorgestellt und zwingt die Hauptfiguren zur Aktion oder Reaktion. Ein scheinbarer Lösungsweg wird aufgezeigt, mehr oder weniger erfolgreich stellt sich die Hauptfigur den Herausforderungen. Je nach Geschmack geht nun etwas schief, was erst die weitere Geschichte erzählt. Oder der eingeschlagene Lösungsweg erweist sich als Sackgasse, es entsteht aus anderen Gründen eine Krise oder Katastrophe. Die Hauptfiguren stehen vor dem Trümmerhaufen ihres ersten Weges und müssen über sich hinauswachsen. Je nach Film und Geschichte kommt nun noch der Beweis für den neu gefundenen Weg, der die Geschichte ausklingen lässt, oder der neue Weg wird nicht mehr erzählt und das Gelingen hoffnungsvoll angedeutet.

So ungefähr funktionieren die meisten Filme, die ein positives Ende haben und bei denen nicht gerade Tarantino irgendwie die Finger im Spiel hat.

Eine Einheit der Bielski-Partisanen, 1943

Auch Defiance fährt diesen Fahrplan und er ist so gut erzählt, dass man sich die Augen reibt, kurz inne hält um sich zu vergewissern, dass das wirkliche Leben eben keinen Fahrplan hat. Diese Vergewisserung ist wichtig, um nicht dem Trugschluss zu erliegen, der Film würde die wahre Geschichte der Bielski-Brüder erzählen. So fragte auch der letzte noch lebende der Brüder, Aron Bielski, der als Kind die Schrecken erlebt hatte: „Sieht man in dem Film „Defiance“ etwa, wie eine Frau gezwungen wird, ihr sechs Monate altes Baby mitten im Winter vor den Türen eines Bauern auszusetzen? Sieht man, wie ein Polizist meinen Vater mit einem Gewehr so brutal verprügelte, dass alle seine Rippen brachen?“

Man sieht Gewalt im Film. Das Wüten der Nazis und ihrer Hiwis werden angedeutet, die Qualen der Opfer werden angedeutet ebenso wie die Motive der Täter. Das ist auch das Problem an dem Film, wie vermutlich bei jedem Unterhaltungsfilm, der zu Zeiten des Naziterrors spielt: Den Hintergrund bildet die unbeschreibliche Vernichtungsmaschinerie, die sich im Film auf Andeutungen beschränken muss. Der Naziterror, dem jegliche moralische Instanzen fehlten, wird zur Folie, vor der sich die eigentliche Geschichte abspielt; die Shoa wird zum „Stimmungsmoment“, zum Beiwerk der Geschichte. Damit wird man weder der Shoa an sich gerecht, noch der Geschichte, die erzählt werden will.

Die Bearbeitung der Shoa begann bereits in den 40er Jahren. Sie wurde vor allem von den Überlebenden vorangetrieben. Romane, Tagebücher und Lyrik von Überlebenden versuchen, das Grauen zu fassen. Die filmische Aufarbeitung begann später, zuerst in Dokumentarform, erst dann in Unterhaltungsfilmen. Seit den 90er Jahren sind die Filme in Deutschland der Publikumsrenner, die von den Tätern ablenken und von heldenhaften Deutschen erzählen: Oskar Schindler, die Geschwister Scholl und der in die Mordmaschinerie zunächst eingebundene Stauffenberg sollen vor Augen führen, dass es noch „gute“ Deutsche gab. Dass dabei die historische Relation nicht nur in Schieflage gerät, sondern völlig ad absurdum geführt wird – wen wundert das noch. War die deutsche postnazistische Gesellschaft in den 50er Jahren darauf bedacht, die Täter zu schützen und zu amnestieren, so verschwinden die Täter heutzutage einfach. Nach 1945 waren mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder in der deutschen Verwaltung beschäftigt als vor 1945, heute werden exemplarisch einzelne Täter stellvertretend in der Öffentlichkeit gerichtet: Links und rechts stützt man die unausgesprochene Geisteshaltung ab, dass die Nazis vom Mond fielen und die Deutschen verführten. So verschwinden die Täter aus dem öffentlichen Bewußtsein, die Shoa wird zu Folklore und die Mordmaschinerie als Stimmungskolorit für Unterhaltungsfilme.

Bei Defiance funktioniert das nur beschränkt. Da die Helden ausnahmsweise keine deutschen Täter sind, sondern die Opfer, die irgendwie versuchen, ihr Überleben zu organisieren,  rücken die Täter zwar mehr oder weniger in die Hintergrundfolie, sind dadurch aber in ihrer Rolle als Judenschlächter und Totschläger statisch und omnipräsent. Das kommt der Realität sehr viel näher als andere Filme, die in der Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt sind.

Detailliertere historische Erkenntnisse hat man nicht zu erwarten; aber für den überwiegenden Teil des Publikums dürfte schon die Erkenntnis neu sein, dass es jüdische Partisanen gab, die sich erfolgreich gegen die Deutschen zur Wehr setzten. Alleine deswegen ist der Film schon sehenswert.


Defiance – Unbeugsam – offizielle Seite

Kritiken / Hintergrund:

Screenwrite:

Partisanen.

Telepolis:

Polen gegen Juden

Litauen und die jüdischen Partisanen

taz:

Die Geschichte der Bielski-Brüder

Süddeutsche:

Die tun was

Frankfurter Rundschau:

Schlüssel zu einer neuen Tonart

Interview mit Daniel Craig

Aron Bielski – und wie er den Film sieht

Zweiter Weltkrieg boomt bei Filmemachern

FAZ:

Moses war kein Opferlamm

ARD (ttt):

Eine wahre Geschichte vom jüdischen Widerstand

SpOn (eines tages):

Drei Brüder gegen Hitler

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Was mal wichtig war

To play or not to play

Antisemitismus in der Partei Die Linke

Und immer wieder: WIZO

2012, Avatar & Co: Arbeit unterm Spätkapitalismus

Der 9.11.1969 und die Linke

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